95 Wochen – 95 Thesen

95 Wochen – 95 Thesen
Veröffentlicht am 
30.11.2016
Zur Vorbereitung auf das große Reformationsjubiläum nehmen wir Woche für Woche je eine von Luthers 95 Thesen genauer in den Blick.

Der Countdown läuft! Am 31. Oktober 1517 jährt sich der berühmte Thesenanschlag Martin Luthers zum 500sten Mal. Der Thesenanschlag an die Wittenberger Schlosskirche gilt als Ausgangspunkt der Reformation und weltweite Geburtsstunde des Protestantismus.

Zur Vorbereitung auf das große Reformationsjubiläum nehmen wir 95 Wochen lang die Thesen Luthers genauer in den Blick. Bis zum Reformationstag 2017 veröffentlichen wir auf Facebook jede Woche eine These Martin Luthers und informieren zum Inhalt der Thesen und zu den Hintergründen des Thesenanschlags.

Thesen verpasst? Nachfolgend finden Sie alle bislang kommentierten Thesen:

Vorrede

Amore et studio elucidande veritas hec subscripta disputabuntur Wittenberge, Presidente R.P. Martino Lutter, Artium et S. Theologie Magistro eiusdemque ibidem lectore Ordinario. Quare petit, ut qui non possunt verbis presentes nobiscum disceptare agant id literis absentes. In nomine domini nostri Hiesu Christi. Amen.

Aus Liebe zur Wahrheit und im Verlangen, sie zu erhellen, sollen die folgenden Thesen in Wittenberg disputiert werden unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Pater Martin Luther, Magister der freien Künste und der heiligen Theologie, dort auch ordentlicher Professor der Theologie. Daher bittet er jene, die nicht anwesend sein können, um mit uns mündlich zu debattieren, dies in Abwesenheit schriftlich zu tun. Im Namen unseres Herrn Jesus Christus. Amen.


So leitet Luther seine berühmten 95 Thesen ein. Doch warum eigentlich ein Thesenpapier? Wer an einer spätmittelalterlichen Universität einen Abschluss erwerben wollte, musste sich einem akademischen Streitgespräch stellen: der Disputation. In einer Art öffentlicher Podiumsdiskussion mit klaren Strukturen und festen Regeln musste der Kandidat beweisen, dass er befähigt war, seine Position eigenständig gegen deutliche Einwände zu vertreten und zu verteidigen. Die Streitfragen wurden dabei vom Vorsitzenden der Prüfungskommision vorgegeben, der diese durch Aushang eine Woche vor der Disputation öffentlich bekannt machte. Diese Thesen musste nun der Kandidat („defensor“) verteidigen, während ein oder mehrere Opponenten („respondentes“) diese mit Gegenthesen zu entkräften versuchten.

Neben den Graduierungsdisputationen, die zur Erlangung eines akademischen Grades vorgeschrieben waren, gab es jedoch auch regelmäßige Zirkulardisputationen, die von bereits gestandenen Doktoren geführt wurden und die zur Klärung offener Streifragen dienten. Insbesondere in Wittenberg mit ihrer jungen Universität und ihren jungen Professoren waren beide Formen der Disputationen ein guter Weg, Dinge inhaltlich voranzutreiben. Der 1512 zum Nachfolger von Johann von Staupitz für die Wittenberger Bibelprofessur ernannte Martin Luther nutzte diese dann auch, um die Ausrichtung der Theologischen Fakultät weg von der überkommenen scholastischen Theologie hin zu Augustinus und Paulus zu führen. Er formulierte daher für seine Studenten schon sehr scharf formulierte Thesenreihen, die zur Auseinandersetzung mit dem Neuen anregen sollten und die von den Wittenberger Kollegen hitzig diskutiert wurden.

Doch Wittenberg allein war Luther nicht genug, er wollte die Diskussion auch auf andere Universitäten ausweiten. Ein erster Versuch mit einer Thesenreihe gegen die Scholastik war im September 1517 jedoch noch rigoros gescheitert. Diese ging zwar den akademischen Kollegen in Erfurt und Nürnberg per Boten zu, aber die dortigen Professoren blieben eine Antwort schuldig. Nicht einmal die Wittenberger Theologen, die durch den Anschlag der Thesen am „schwarzen Brett“ der Universität an der Tür der Schlosskirche davon erfuhren, wollten darüber mit Luther diskutieren. Damit war aber das übliche Verfahren, das eine allein inneruniversitäre Diskussion zum Ziel hatte, durchbrochen. Schon Andreas Bodenstein hatte zuvor in seiner Disputationsankündigungen zu einer überregionalen Veranstaltung eingeladen. Mit den Thesen vom 31.10.1517 weitete Luther dies aber noch einmal aus, indem er auch diejenigen zur Diskussion einlud, die nicht vor Ort sein konnten und brieflich zu den Streitfragen Stellung nehmen sollten. Auch diese Disputation kam zwar nicht als solche zustande, hatte aber eine ungeahnte Verbreitung zufolge. Binnen 14 Tagen sei die Schrift durch ganz Deutschland gelaufen, „als ob Engel die Sendboten gewesen wären“.

These 1

Dominus et Magister noster Iesus Christus, dicendo poenitentiam agite etc. omnem vitam fidelium poenitentiam esse voluit.

Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht "Tut Buße" usw. (Matth. 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen (stets) Buße sein soll.

Gleich mit der ersten These deutet Luther seine Position an, die er zum Angriff gegen den „Ablasskram“ künftig vertreten wird: Er bestimmt das Wort Jesu – nicht die Autorität der Kirche, des Papstes oder andere menschengemachten Prinzipien – zur Grundlage seiner Theologie. Mit dem Hinweis auf das Jesuswort zur Buße greift er auch das gängige Bußverständnis seiner Zeit an: Nicht allein im Bußsakrament und schon gar nicht durch den Ersatz der Buße vermittels eines mit Geld erkauften Ablasses, sondern durch eine fortwährende Einstellung des Christenmenschen gegenüber Gott, also durch eine Verankerung der Buße im alltäglichen Leben sollte das Heil zu suchen sein. In jedem Augenblick geht es für Luther um das Gegenüber von Mensch und Gott. Mit der Benennung von Christus als „Meister“ (magister) nimmt Luther klar auf den akademischen Rahmen Bezug, indem er Christus zum allerhöchsten Lehrmeister in Glaubensdingen bestimmte. 

These 2

Quod verbum de penitentia sacramentali (id est confessionis et satisfactionis, que sacerdotum ministerio celebratur) non potest intelligi.

Dieses Wort darf nicht auf die sakramentale Buße gedeutet werden, das heißt, auf jene Buße mit Beichte und Genugtuung, die unter Amt und Dienst der Priester vollzogen wird.

Für Luther war es zunächst wichtig abzugrenzen, worum es seiner Meinung nach beim zitierten Christuswort nicht ging: Das kirchliche Sakrament der Buße. Dieses hatte er – im Sinne der römischen Bußlehre – bis 1517 noch nicht infrage gestellt. Für ihn hatte zunächst die althergebrachte Dreiteilung in contritio cordis (Herzensreue), confessio oris (Bekenntnis des Mundes) und satisfactio operis („Genugtuung“, also Wiedergutmachung durch das Werk) weiterhin Bestand. Doch bereits vor der Veröffentlichung der Thesen finden sich in Luthers Schriften erste Anklänge an eine Betonung des Gegensatzes zwischen Glaubensgerechtigkeit und dem reinen Vertrauen auf eigene Verdienste. 

These 3

Non tamen solam intendit interiorem, immo interior nulla est, nisi foris operetur varias carnis mortificationes.

Es bezieht sich nicht nur auf eine innere Buße, ja eine solche wäre gar keine, wenn sie nicht nach außen mancherlei Werke zur Abtötung des Fleisches bewirkte.

In Hinblick auf Luthers vorige Deutung des Bibelworts einer hier geforderten lebenslangen innerlichen Buße wirkt die 3. These auf den ersten Blick wie ein Widerspruch. Doch sie zeigt bei näherer Betrachtung nur einen weiteren Aspekt seiner Verortung der Buße im Gewissen: das Erleiden weltlicher Verfolgungen als Teil der Buße. Wer aufrichtig seinen Unwert vor Gott eingesteht, zieht sich die Verachtung derjenigen zu, die nur nach diesseitigem, menschlichem Ermessen urteilen. Diese Schmach wird dadurch zu einer weiteren Bußleistung.

These 4

Manet itaque pena, donec manet odium sui - id est penitentia vera intus - scilicet usque ad introitum regni celorum.

Daher bleibt Pein, solange Selbstverachtung - das ist wahre innere Buße - bleibt, nämlich bis zum Eintritt in das Himmelreich.

So wie Luther auf der Basis des Jesuswortes ausgeschlossen hatte, die Buße auf den zeitlich begrenzten sakramentalen Akt durch die Priester zu reduzieren, so verwirft er dies nun auch für die aus der Buße resultierenden Strafe, der „Pein“ (lat. poena). Auch diese währt ein Leben lang, solange wie die innere Auseinandersetzung mit dem Gewissen währt, also bis zum Tod und dem jenseitigen Gericht. Der Ablass auf der anderen Seite versprach ja vermeintlich das Gegenteil, nämlich die Ablösung dieser Strafe zu Lebzeiten. 

These 5

Papa non vult nec potest ullas penas remittere preter eas, quas arbitrio vel suo vel canonum imposuit.

Der Papst will und kann nicht irgendwelche Strafen erlassen, außer denen, die er nach dem eigenen oder nach dem Urteil von Kirchenrechtssätzen auferlegt hat.

Da nun ja die wahre Buße für Luther von innen kommt und wie der Selbsthass des Gläubigen auf dem Gebot Christi (These 1) beruht, kann der Papst diese „poena“ nicht erlassen. Er würde ansonsten gegen die Weisung Christi verstoßen. Erlassen kann der Papst nur diejenigen Bußstrafen, die er selbst oder aufgrund kirchlicher Satzung selbst verhängt hat, also nur die kanonischen Bußauflagen (wie beispielsweise Gebet, Fasten, Almosen und Wallfahrten), aber keine Fegefeuerstrafen.

These 6

Papa non potest remittere ullam culpam nisi declarando et approbando remissam a deo aut certe remittendo casus reservatos sibi, quibus contemptis culpa prorsus remaneret.

Der Papst kann eine Schuld nur dadurch erlassen, dass er sie als von Gott erlassen erklärt und bezeugt, natürlich kann er sie in den ihm vorbehaltenen Fällen erlassen; wollte man das geringachten, bliebe die Schuld ganz und gar bestehen.


In der sechsten These macht Luther noch einmal deutlich, dass selbstverständlich nicht der Papst, sondern nur Gott selbst die mit der menschlichen Sünde vor Gott erworbene Schuld vergeben kann. Dem Papst obliegt allein die Erklärung, dass diese Vergebung von Gott erfolgt sei, es sei denn, es handelt sich um die in These 5 genannten Bußstrafen, die der Papst selbst erlassen hat.

These 7

Nulli prorsus remittit deus culpam, quin simul eum subiiciat humiliatum in omnibus sacerdoti suo vicario.

Überhaupt niemandem vergibt Gott die Schuld, ohne dass er ihn nicht zugleich – in allem erniedrigt – dem Priester, seinem Vertreter, unterwirft.


Einen Bruch mit dem Klerus der Amtskirche beabsichtigt Luther zu diesem Zeitpunkt offensichtlich nicht. Für ihn ist die Instanz des Priesters als Stellvertreter Gottes auf Erden weiterhin wichtig. Ihm, als Vertreter der einzig zur Vergabe der Schuld befähigten himmlischen Autorität, muss sich der Sünder weiterhin unterordnen. Ohne diese Unterwerfung ist die Vergebung Gottes nicht zu erlangen.

These 8

Canones penitentiales solum viventibus sunt impositi, nihilque morituris eosdem debet imponi.

Die kirchlichen Bestimmungen über die Buße sind nur für die Lebenden verbindlich, den Sterbenden darf demgemäß nichts auferlegt werden.


Die kirchliche Vollmacht, Bußleistungen aufzuerlegen, endet an der Schwelle des Todes. So ist es bereits auch in den zahlreichen Canones Poenitentiales festgelegt, auf die sich Luther hier bezieht. Diese Bußbestimmungen waren seit dem Mittelalter in diversen Sammlungen des Kirchenrechts, etwa im Decretum Gratiani oder im Liber Extra, weit verbreitet. 

These 9

Inde bene nobis facit spiritus sanctus in papa excipiendo in suis decretis semper articulum mortis et necessitatis.

Daher handelt der Heilige Geist, der durch den Papst wirkt, uns gegenüber gut, wenn er in seinen Erlassen immer den Fall des Todes und der höchsten Not ausnimmt.


Der Heilige Geist nimmt in Luthers Denken eine zentrale Stellung ein. Ihm fällt die Aufgabe zu, den Glauben zu wirken und den Abstand zwischen dem Erlöser Christus und den Menschen zu überbrücken. Dennoch sieht Luther ihn nicht als direkt auf den Menschengeist wirkenden Akteur, sondern seine Wirkung ist indirekt über das Evangelium und rein auf Jesus Christus bezogen.

These 10

Indocte et male faciunt sacerdotes ii, qui morituris penitentias canonicias in purgatorium reservant.

Unwissend und schlecht handeln diejenigen Priester, die den Sterbenden kirchliche Bußen für das Fegefeuer aufsparen.


Die Existenz des Fegefeuers hat Luther niemals grundsätzlich in Frage gestellt, sondern sich zumeist in Bezug auf Augustinus zurückhaltend geäußert. In weiterem Sinn interpretierte Luther auch seine Anfechtungen als Ausprägungen des Fegefeuers und hielt deren Fortdauern über den Tod hinaus für möglich. Im Hinblick auf den unklaren Status der Toten im Jenseits lehnte Luther daher auch private Gebete für die Verstorbenen nicht ab. Seine Kritik zielte vielmehr auf die fehlenden biblischen Belege für eine dogmatische Definition des Fegefeuers. 

These 11

Zizania illa de mutanda pena Canonica in penam purgatorii videntur certe dormientibus episcopis seminata.

Die Meinung, dass eine kirchliche Bußstrafe in eine Fegefeuerstrafe umgewandelt werden könne, ist ein Unkraut, das offenbar gesät worden ist, während die Bischöfe schliefen.


Luther spielt hier auf das biblische Gleichnis von dem schlafenden Bauern an, dem sein Feind Unkraut unter die gute Saat mischt. „Da aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon.“ (Matth. 13, 25). Das ist natürlich eine scharfe Spitze gegen die berufenen Wächter über die Kirche und den Glauben, die Bischöfe und natürlich auch den Papst selbst. 

These 12

Olim pene canonice non post, sed ante absolutionem imponebantur tanquam tentamenta vere contritionis.

Früher wurden die kirchlichen Bußstrafen nicht nach, sondern vor der Absolution auferlegt, gleichsam als Prüfstein für die Aufrichtigkeit der Reue.


Die Wiedergutmachung vor der Absolution war zwar tatsächlich in der frühen christlichen Kirche noch üblich, doch seit dem Aufkommen der sogenannten Tarifbuße im frühen Mittelalter, die eine angepasste Buße je nach Schwere der Verfehlung vorsah, war die Wiedergutmachung nach der Absolution abzuleisten.

These 13

Morituri per mortem omnia solvunt et legibus canonum morituri iam sunt, habentes irue earum relaxationem.

Die Sterbenden werden durch den Tod von allem gelöst, und für die kirchlichen Satzungen sind sie schon tot, weil sie von Rechts wegen davon befreit sind.


Da die Jurisdiktion der Kirche und damit auch die von ihr verhängten Bußstrafen an der Schwelle des Todes enden, kann es auch keinen Ablass für die Toten geben. Damit greift Luther indirekt die kolportierte Werbestrategie Tetzels an, der angeblich versprochen habe, mit dem Erwerb des Ablasses könnten auch bereits Verstorbene aus dem Fegefeuer erlöst werden.

These 14

Imperfecta sanitas seu charitas morituri necessario secum fert magnum timorem, tantoque maiorem, quanto minor ferit ipsa.

Ist die Haltung eines Sterbenden und die Liebe unvollkommen, so bringt ihm das notwendig große Furcht, und diese ist umso größer, je geringer jene ist.


In den Thesen 14-19 behandelt Luther die Thematik des Fegefeuers. Da nun durch die vorigen Thesen bewiesen ist, dass die kirchlichen Bußstrafen mit dem Tod des Menschen enden, beschäftigt Luther nun die Frage, was denn in der Nachwelt in den Seelen der Verstorbenen bzw. für sie geschehen kann. Ihn interessiert dabei insbesondere der Grad des Verhältnisses zwischen Mensch und Gott. Das Bewusstsein der fehlenden Gottesliebe führt zu Furcht, die umso intensiver ist, je mehr diese fehlt.

These 15

Hic timor et horror satis est se solo (ut alia taceam) facere penem purgatorii, cum sit proximus desperationis horrori.

Diese Furcht und dieser Schrecken genügen für sich allein (von anderem ganz zu schweigen) die Pein des Fegefeuers auszumachen; denn sie kommen dem Grauen der Verzweiflung ganz nahe.


Die Idee eines Fegefeuers als Läuterungsort nach dem Tod war bereits in der frühen Kirche angelegt. Eine ähnliche Vorstellung findet sich auch schon im vorchristlichen Judentum. Das „Purgatorium“ für zeitliche Sündenstrafen entwickelte sich aber erst im Laufe des Mittelalters zu einem der Hölle vergleichbaren Schreckensort, der insbesondere in der Volksfrömmigkeit Nordeuropas eine große Rolle spielte. Luther wendet sich von den populären Vorstellungen des Fegefeuers ab und konzentriert sich vielmehr auf das Verhältnis zwischen Gott und Menschen. Die Störung dieses Verhältnisses macht für ihn den größten Schrecken des Fegefeuers aus, gegenüber dem alle anderen denkbaren Schrecken vernachlässigbar sind.

These 16

Videntur infernus, purgatorium, celum differre, sicut desperatio, probe desperatio, securitas differunt.

Es scheinen sich demnach Hölle, Fegefeuer und Himmel in der gleichen Weise zu unterscheiden wie Verzweiflung, annähernde Verzweiflung und (Heils-)Sicherheit.


Luther verzichtet hier ganz ausdrücklich auf die Sicht von Himmel, Hölle und Fegefeuer als konkrete Orte und sieht diese vielmehr als Stadien der menschlichen Seele im ihrem Verhältnis zu Gott. Dieses Verhältnis sollte idealerweise in der Gottesliebe bestehen.

These 17

Necessarium videtur animabus in purgatorio sicut minui horrorem ita augeri charitatem.

Offenbar haben die Seelen im Fegefeuer die Mehrung der Liebe genauso nötig wie eine Minderung des Grauens.


In diesem Zwischenzustand zwischen vollkommener Gottesliebe und vollkommener Verzweiflung, den Luther als Fegefeuer definiert, dient die dort erlittene Pein der Mehrung der Gottesliebe und somit dem Weg zu ihrer Vervollkommnung: dem Himmel. Nur so kann nach Luthers Auffassung das Fegefeuer sinnvoll verstanden werden.

These 18

Nec probatum videtur ullis, aut rationibus, aut scripturis, quod sint extra statum meriti seu augendae charitatis.

Offenbar ist es auch weder durch Vernunft- noch Schriftgründe erwiesen, dass sie sich außerhalb des Zustandes befinden, in dem sie Verdienste erwerben können oder in dem die Liebe zunehmen kann.


Aufgrund der fehlenden biblischen Belege für ein Fegefeuer bleibt für Luther das Purgatorium eine offene theologische Frage, die gewissen Raum für Spekulationen und Diskussionen lässt. Zwar sprach er sich insbesondere gegen die überbordenden Totenmessen und die Kommerzialisierung der Fürsorge für Verstorbene aus, stellte aber Gebete für die Toten nicht grundsätzlich in Frage.

These 19

Nec hoc probatum esse videtur, quod sint de sua beatitudine certae et securae, saltem omnes, licet nos certissimi simus.

Und auch dies scheint nicht erwiesen zu sein, dass sie wenigstens alle ihrer Seligkeit sicher und gewiss sind, mögen schon wir davon völlig überzeugt sein.


Da die Entscheidung über das Schicksal der Seelen allein Gott obliegt, kann der Mensch sich kein Urteil über den jenseitigen Zustand der Verstorbenen erlauben. Der Tod liegt jenseits der menschlichen Wahrnehmung und Einflusssphäre.

These 20

Igitur Papa per remissionem plenariam omnium poenarum, non simpliciter omnium intelligit, sed a seipso tantummodo impositarum.

Deshalb meint der Papst mit „vollkommener Erlass aller Strafen“ nicht einfach „aller“, sondern nur derjenigen, die er selbst auferlegt hat.


Nach dem Exkurs über die Notwendigkeit der Pein des Fegefeuers – im Sinne der Mehrung der Gottesliebe im Jenseits – kann Luther hier noch einmal die 5. These aufgreifen. Da der Papst keinen Einfluss auf die jenseitige Sphäre hat, kann er nur Ablass der selbst auferlegten Sündenstrafen gewähren.

These 21

Errant itaque indulgentiarum praedicatores ii, qui dicunt per Papae indulgentias, hominem ab omni poena solvi et salvari.

Es irren daher diejenigen Ablassprediger, die da sagen, dass ein Mensch durch Ablässe des Papstes von jeder Strafe gelöst und errettet wird.


Erst jetzt nimmt Luther die Praxis der Ablassverkündigung und des -verkaufs ins Visier. Da durch die vorigen Ausführungen der Umfang dessen, was durch päpstlichen Ablass überhaupt erlassen werden kann, stark eingeschränkt wurde, dürfen nach Luthers Ansicht auch die Ablassprediger nicht mehr ohne weiteres den Ablass in der bisherigen Weise vertreiben.

These 22

Quin nullam remittit animabus in purgatorio, quam in hac vita debuissent secundum Canones solvere.

Vielmehr erlässt er den Seelen im Fegefeuer keine einzige Strafe, die sie nach den kirchlichen Satzungen in diesem Leben hätten abbüßen müssen.


Erneut fasst Luther hier die bereits in These 5 und 8 geäußerte Schlussfolgerung zusammen, dass der Papst keine Sündenstrafen nach dem Tod erlasse. Indem Luther dies als Faktum formuliert, entgeht er hier geschickt dem Vorwurf, die Autorität des Papstes anzugreifen. Die Schuld schiebt er vordergründig den Ablasshändlern mit ihrer irrigen Auffassung vom Ablass zu.

These 23

Si remissio ulla omnium omnino perarum potest alicui dari, certum est eam non nisi perfectissimis, i.e. paucissimis.

Wenn überhaupt irgendwem irgendein Erlass aller Strafen gewährt werden kann, dann gewiss allein den Vollkommensten, das heißt aber, ganz wenigen.


Die heilsame Pein kann, wenn überhaupt, nur denen erlassen werden, die bereits in vollkommener Gottesliebe sind, also den Heiligen. Diese machen aber gemessen an der Gesamtzahl der Sünder, nur den kleinsten Teil aus. Für die anderen wäre eine Loslösung von der Strafe im Fegefeuer nach Luthers Schlussfolgerung sogar nachteilig, da sie den Sünder ja zur perfekten Gottesliebe führen soll.

These 24

Falli ob id necesse est maiorem partem populi per indifferentem illam et magnificam pene solute promissionem.

Deswegen wird zwangsläufig ein Großteil des Volkes durch jenes in Bausch und Bogen und großsprecherisch gegebene Versprechen des Straferlasses getäuscht.


Da es sich bei der Mehrheit der Christen eben nicht um Heilige handelt, bei denen die Gottesliebe beinahe schon vollkommen sei, und da der Straferlass weder möglich noch wünschenswert ist, wertet Luther die Zusicherungen der Ablasshändler als Betrug.

These 25

Qualem potestatem habet papa in purgatorium generaliter, talem habet quilibet Episcorpus et Curatus in sua diocesi et parachia specialiter.

Die gleiche Macht, die der Papst bezüglich des Fegefeuers im Allgemeinen hat, besitzt jeder Bischof und jeder Seelsorger in seinem Bistum bzw. seinem Pfarrbezirk im Besonderen.


Noch einmal bestreitet Luther hier eine herausgehobene Autorität des Papstes in Hinsicht auf den Ablass. In dieser Beziehung ist er nichts weiter als ein normaler Priester, da er wie diese nur die selbst verhängten Strafen erlassen kann.

These 26

Optime facit papa, quod non potestate clavis (quam nullam habet) sed per modum suffragii dat animabus remissionem

Der Papst handelt sehr richtig, den Seelen (im Fegefeuer) die Vergebung nicht auf Grund seiner - ihm dafür nicht zur Verfügung stehenden - Schlüsselgewalt, sondern auf dem Wege der Fürbitte zuzuwenden.


Elegant umgeht Luther hier eine direkte Anklage des Papstes, indem er quasi voraussetzt, dass dieser bereits in der richtigen Weise für die Seelen der Toten eintrete. Dennoch wagt sich Luther hier auf gefährliches Terrain, da er die Macht des Papstes damit einschränkt: Nicht durch die von Christus an Petrus und seine Nachfolger verliehene Schlüsselgewalt, sondern allein nur durch Fürbitten könne der Papst auf das Schicksal der Seelen im Fegefeuer Einfluss nehmen, deren Erhörung allein von der Entscheidung Gottes abhänge.

These 27

Hominem predicant, qui statim ut iactus nummus in cistam tinnierit evolare dicunt animam.

Menschenlehre predigen diejenigen, die sagen, dass die Seele (aus dem Fegefeuer) emporfliege, sobald das Geld im Kasten klinge.


Auch wenn Luther den Dominikanermönch Tetzel in den Thesen niemals namentlich erwähnt, zeigt dieses Zitat dennoch, dass dieser gemeint war. Der Spruch der automatischen Wirksamkeit der Geldzahlung scheint tatsächlich ein Werbeslogan der von Tetzel geleiteten Ablasskampagne gewesen zu sein und wurde von ihm auch nach der Veröffentlichung von Luthers Thesen weiter vertreten. Mit Menschenlehre meint Luther nicht einfach nur das Vertreten einer säkularen Meinung, sondern eine zu Gottes Wort konträre Haltung, die somit fehlerhaft und gotteslästerlich ist.

These 28

Certum est, nummo in cistam tinniente augeri questum et avariciam posse: suffragium autem ecclesie est in arbitrio dei solius.

Gewiss, sobald das Geld im Kasten klingt, können Gewinn und Habgier wachsen, aber die Fürbitte der Kirche steht allein auf dem Willen Gottes.


Der Ablassverkauf dient also nach Luthers Meinung allein dem Gewinnstreben. Auf die tatsächliche Vergebung Gottes hat er keinerlei Einfluss. Auch wenn Luther in seinem am 31. Oktober 1517 an Albrecht von Brandenburg versandten Brief einen diplomatischen Ton wählt, ist diese These ein deutlicher Angriff auf den Kardinal als Kommissar der Petersablasskampagne. 

These 29

Quis scit, si omnes anime in purgatorio velint redimi, sicut de S. Severino et Paschali factum narratur.

Wer weiß denn, ob alle Seelen im Fegefeuer losgekauft werden wollen, wie es beispielsweise über den heiligen Severin und Paschalis erzählt wird?


Da die Fegefeuerstrafe nach Luther der Vervollkommnung der Gottesliebe diene (vgl. These 17), könne der Verbleib dort auch positiv gesehen werden, wie es auch die beiden genannten Heiligen taten. Offenbar verwechselte Luther (oder der Drucker) hier jedoch den Hl. Paschalis mit dem römischen Diakon Paschasius (gest. nach 511), der nach einer vom Hl. Gregor niedergeschriebenen Vision als Heiliger eine fegefeuerartige Strafe erleiden musste, da er zu Lebzeiten zum Gegenpapst Laurentius gehalten habe. Der Hl. Severin (ca. 410–482) wiederum war nach einer von Petrus Damiani überlieferten Legende einem Kölner Kleriker erschienen. Er berichtete, im Fegefeuer zu büßen, da er aufgrund seiner weltlichen Beschäftigung seine Stundengebete nicht zu den vorgeschriebenen Zeiten abgeleistet habe – ein Problem, das ja auch Luther selbst in seiner Zeit als Distriktsvikar des Augustinerordens (1515–1518) sehr umtrieb.

These 30

Nullus securus est de veritate suae contritionis, multo minus de consecutione plenarie remissionis.

Keiner hat Gewissheit über die Wahrhaftigkeit seiner Reue, noch viel weniger über das Gewinnen vollkommenen Straferlasses.


Luther sieht die Reue, also die Einsicht und das Bedauern über die begangene Sünde, als Voraussetzung für eine Lossprechung des Menschen durch Gott. Da aber wie bei den beiden vorgenannten Heiligen nur Sünden bereut werden können, die auch als solche durch den Sünder erkannt werden, kann die Reue niemals sicher sein.

These 31

Quam rarus est vere penitens, tam rarus est vere indulgentias redimens, i.e. rarissimus.

So selten einer in rechter Weise Buße tut, so selten kauft einer in der rechten Weise Ablass, nämlich außerordentlich selten.


Luther folgte 1517 noch der römischen Bußlehre, die eine Lossprechung von den Sünden von drei Voraussetzungen abhängig machte (vgl. These 2): Gegeben sein musste die contritio cordis (Reue des Herzens), die confessio oris (Bekenntnis des Mundes, also die Beichte) und die satisfactio operis („Genugtuung“, also Wiedergutmachung durch das Werk). Ohne die Basis für eine wahre Buße, die in These 30 erwähnte wahrhafte Reue, sind nach Luthers Bußverständnis die Voraussetzungen für einen Erwerb eines Ablasses für Luther nicht gegeben. Wenn selbst Heilige diese kaum leisten können (vgl. These 29), wie soll der einfache Sünder dazu imstande sein? 

These 32

Damnabuntur in eternum cum suis magistris, qui per literas veniarum securos sese credunt de sua salute.

Wer glaubt, durch einen Ablassbrief seines Heils gewiss sein zu können, wird auf ewig mit seinen Lehrmeistern verdammt werden.


Für Luther sind die Werbeversprechen der Ablasshändler nicht nur falsch, sondern geradezu fatal. Der Versuch, sich das Heil zu erkaufen, verursacht das genaue Gegenteil: Wer sich auf Ablässe verlässt, kümmert sich nicht mehr um sein Seelenheil und fällt daher schließlich der ewigen Verdammnis anheim. 

These 33

Cavendi sunt nimis, qui dicunt venias illas Pape donum esse illud dei inestimabile, quo reconciliatur homo deo.

Ganz besonders in Acht nehmen muss man sich vor denen, die sagen, jene Ablässe des Papstes seien jenes unschätzbare Geschenk Gottes, durch das der Mensch mit Gott versöhnt werde.


Mit dieser These greift Luther wieder eine Passage der „Instructio“, dem Handbuch für die Ablassprediger, auf, die genau dieses behauptet hatte. Aber nicht der Ablass, sondern die Gnade ist nach Luthers Überzeugung das Geschenk Gottes, das den Menschen mit Gott versöhnt. Geschickt lenkt Luther seine Kritik auf einen ihm angeblich unbekannten Autor dieses Handbuches, statt Albrecht als Urheber des Textes direkt zu beschuldigen. Albrecht hätte so seine Anweisungen zurück nehmen können ohne dabei sein Gesicht zu verlieren.

These 34

Gratie enim ille veniales tantum respiciunt penas satisfactionis sacramentalis ab homine constitutas.

Denn jene Ablassgnaden betreffen nur die Strafen der sakramentalen Satisfaktion, die von Menschen festgesetzt worden sind.


Luther wiederholt hier noch einmal die Argumentation von These 5: Der Ablass ist nichts weiter als Erlass der von Menschen im Rahmen des Bußsakraments angeordneten Bußstrafen in der diesseitigen Welt. Sie ist keine Gabe Gottes, mit der die Menschen mit Gott versöhnt werden.

These 35

Non christiana predicant, qui docent, quod redempturis animas vel confessionalia non sit necessaria contritio.

Unchristliches predigen diejenigen, die lehren, dass bei denen, die Seelen loskaufen oder Beichtbriefe erwerben wollen, keine Reue erforderlich sei.


Hier, wie auch an anderen Stellen bezieht sich Luther direkt auf die ihm vorliegende Instructio Summaria, die Anleitung für die Verkündigung des Ablasses Albrechts von Brandenburg. Die Ablassprediger wurden darin explizit dazu aufgefordert, zu verkünden, dass im Moment des Erwerbs eines Ablasses keine Reue für die selbst begangenen Sünden oder seitens der freizukaufenden Seelen im Fegefeuer vonnöten sei. Auch in seinem Brief vom 31.10.1517 an Albrecht kritisiert Luther diesen Punkt scharf.

These 36

Quilibet christianus vere compunctus habet remissionem plenariam a pena et culpa etiam sine literis veniarum sibi debitam.

Jeder wahrhaft reumütige Christ erlangt vollkommenen Erlass von Strafe und Schuld; der ihm auch ohne Ablassbriefe zukommt.


Mit dieser These verwirft Luther die Gültigkeit des Ablasses in Bausch und Bogen: Nur dem wahrhaft Reumütigen könnten die Sündenstrafen erlassen werden. Wenn jedoch die wahre Reue im Menschen wirksam ist, bedarf es gar keiner Strafen mehr, da diese ja dazu dienen, zur wahren Gottesliebe zu kommen. Luthers Erkenntnis ist somit quasi der vollkommenste „Ablass“ überhaupt, da er den Ablass insgesamt überflüssig macht. 

These 37

Quilibet verus christianus, sive vivus sive mortuus, habet participationem omnium bonorum Christi et Ecclesie etiam sine literis veniarum a deo sibi datam.

Jeder wahre Christ, lebend oder tot, hat, ihm von Gott geschenkt, teil an allen Gütern Christi und der Kirche, auch ohne Ablassbriefe.


Auch hier klingt bereits Luthers neue Rechtfertigungslehre an: Der Schatz der Kirche, die Gnade Gottes, steht nicht zum Verkauf, sondern wird an jeden Christen frei ausgegeben. Dies gilt sowohl für die Lebenden als auch für die bereits Verstorbenen. Die einzige Voraussetzung ist der Glaube.

These 38

Remissio tamen et participatio Pape nullo modo est contemnenda, quia (ut dixi) est declaratio remissionis divine.

Was aber der Papst erlässt und woran er Anteil gibt, ist keineswegs zu verachten, weil es – wie ich schon sagte – die Kundgabe der göttlichen Vergebung ist.


Luther verweist hier noch einmal auf seine 6. These: Als Deklaration des göttlichen Willens hat die vom Papst ausgesprochene Vergebung durchaus ihren Sinn – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Vergebung selbst kann jedoch nur von Gott selbst kommen.

These 39

Difficillimum est etiam doctissimis Theologis simul extollere veniarum largitatem et contritionis veritatem coram populo.

Selbst für die gelehrtesten Theologen ist es ausgesprochen schwierig, vor dem Volk den Reichtum der Ablässe und zugleich die Wahrhaftigkeit der Reue herauszustreichen.


Die Schwierigkeit, diese Diskrepanz theologisch zu erklären, liegt laut Luther daran, dass wahre Reue und Ablasserwerb unvereinbar sind: Der aufrichtig reuige Sünder würde nicht versuchen, die Sündenstrafen zu vermeiden, sondern sie als Teil des Läuterungsprozesses begreifen, der ihn näher zu Gott führt. Der Erwerb eines Ablasses macht die Läuterung nicht einfacher, sondern erschwert ihn sogar.

These 40

Contritionis veritas penas querit et amat, veniarum autem largitas relaxat et odisse facit, saltem occasione.

Wahre Reue sucht und liebt die Strafen; der Reichtum der Ablässe aber befreit von ihnen und führt dazu, die Strafen – zumindest bei Gelegenheit – zu hassen.


Während das Ablassangebot als der vermeintlich einfachere Weg zu einer Verachtung der Strafen Gottes und seiner Gerechtigkeit verleitet, entspringt die Reue als Wirkung der göttlichen Gnade von Anfang an aus der Liebe zu Gott. Diese Liebe schließt dementsprechend auch die Liebe zur Gerechtigkeit Gottes und seiner Strafen ein, die der Gläubige nicht meiden, sondern vielmehr bejahen sollte.

These 41

Caute sunt venie apostolice predicande, ne populus false intelligat eas preferri ceteris bonis operibus charitatis.

Mit Vorsicht sind die (päpstlich-)apostolischen Ablässe zu predigen, damit das Volk nicht fälschlich meint, sie seien den übrigen guten Werken der Liebe vorziehen.


„Gute Werke“ sind laut Luther von den vermeintlich guten Werken zu unterscheiden, die die Menschen nur dafür halten und mit denen sie sich ihr Seelenheil verdienen wollen. Gute Werke seien aber nur möglich, wenn sie freiwillig und aus dem Glauben heraus geleistet werden. Hinter den Ablässen steckt für Luther genau wie bei der von ihm abgelehnten Werksgerechtigkeit ein versteckter Eigennutz derer, die Ablassbriefe käuflich erwerben. Mit den wahren Werken der Liebe können sie sich nicht messen.

These 42

Docendi sunt christiani, quod Pape mens non est redemptionem veniarum ulla ex parte comparandam esse operibus misericordie.

Man muss die Christen lehren: Der Papst hat nicht im Sinn, dass der Ablasskauf in irgendeiner Weise den Werken der Barmherzigkeit gleichgestellt werden solle.

Die folgenden neun Thesen (42–51) erscheinen fast wie die dramatischen Hammerschläge selbst, die man sich gerne im Zusammenhang mit der Anbringung der Luther‘schen Thesenplakate vorgestellt hat: Hier finden wir die Hauptargumente Luthers, die er geschickt als die Meinung des Papstes selbst erscheinen lässt. In der ersten These dieser Reihe wiederholt er noch einmal die Folgerung von These 41, dass Werke der Liebe und Barmherzigkeit dem Erwerb eines Ablasses weit überlegen sind. 

These 43

Docendi sunt christiani, quod dans pauperi aut mutuans egenti melius facit quam si venias redimeret.

Man muss die Christen lehren: Wer einem Armen gibt oder einem Bedürftigen leiht, handelt besser, als wenn er Ablässe kaufte.

Bereits früh richtet sich Luthers Kritik an kirchlichen Institutionen nicht nur gegen das Ablasswesen sondern auch gegen Missständen in der Armenfürsorge. Nach mittelalterlichem Verständnis stehen Geber und Empfänger in einer wechselseitigen Beziehung: Der „milden Gabe“ des Almosengebers steht das Gebet des Empfängers für den Geber gegenüber. Mit dem Ablass habe die Kirche jedoch die praktische Nächstenliebe des Einzelnen aus der direkten Wechselbeziehung zwischen Christen herausgelöst, sie instrumentalisiert und monetarisiert. Nach Luthers neuem Bußverständnis soll die Gabe von Almosen aber gerade nicht als Mittel zur Erlangung des Seelenheils, sondern als deren logische Folge geboten sein.

These 44

Quia per opus charitatis crescit et fit homo melior, sed per venias non fit melior sed tantummode a pena liberior.

Denn durch ein Werk der Liebe wächst die Liebe, und der Mensch wird besser. Aber durch Ablässe wird er nicht besser, sondern nur freier von der Strafe.

Entscheidend ist für Luther das „Wachsen der Liebe“, das auch schon in der Frage der Fegefeuerstrafe maßgeblich war: Durch das barmherzige Werk wächst die Liebe und verbessert dadurch den Menschen. Der Ablass hingegen wirkt kontraproduktiv, da er die Liebe nicht anwachsen lässt, sondern vielmehr darüber hinaus noch die eigentlich heilsamen Strafen reduziert.

These 45

Docendi sunt christiani, quod, qui videt egenum et neglecto eo dat pro veniis, non indulgentias Pape sed indignationem dei sibi vendicat.

Man muss die Christen lehren: Wer einen Bedürftigen sieht, sich nicht um ihn kümmert und für Ablässe etwas gibt, der erwirbt sich nicht Ablässe des Papstes, sondern Gottes Verachtung.

Bettelei und Almosenwesen waren schon lange vor Luther im 15. Jahrhundert zunehmend in Kritik geraten.  Dies betraf nicht so sehr diejenigen, die unter tatsächlicher Not und Armut zu leiden hatten, als vielmehr die angeblichen Simulanten und die ebenfalls von Almosen lebenden Bettelmönche. Luther griff also in seinen Thesen bereits vorhandene öffentliche Kritik an Missständen im Sozialwesen auf und verband sie in seiner Kritik  des Ablasswesens mit seinem generellen Protest an von ihm wahrgenommenen Fehlentwicklungen in der Kirche.

These 46

Docendi sunt christiani, quod nisi superfluis abundent necessaria tenentur domui sue retinere et nequaquam propter venias effundere.

Man muss die Christen lehren: Wenn sie nicht im Überfluss schwimmen, sind sie verpflichtet, das für ihre Haushaltung Notwendige aufzubewahren und keinesfalls für Ablässe zu vergeuden.

Als Distriktsvikar, der elf benachbarte Augustinerklöster zu verwalten hatte, war Luther die Notwendigkeit einer ökonomischen Haushaltsführung gut bekannt. Sein Ratschlag, mit den vorhandenen Mitteln sorgfältig umzugehen und nicht für vage Versprechungen zu verschwenden, war daher durchaus fundiert. Zum anderen zeigt er aber auch, dass die Realität bei seinen Mitmenschen wohl eine andere war: Die Gläubigen, die auf die falschen Zusicherungen der Ablasshändler eingingen, gaben mehr Geld für die Ablässe aus, als sie sich leisten konnten und gerieten so in Verschuldung und Armut.

These 47

Docendi sunt christiani, quod redemptio veniarum est libera, non precepta.

Man muss die Christen lehren: Ablasskauf steht frei, ist nicht geboten.

Der Erwerb des Ablasses ist nicht durch Gottes Wort oder kirchliche Verordnung vorgeschrieben, für den Gläubigen ist der Kauf rein freiwillig. Umgekehrt verwehrte Luther aber auch niemandem, sich einen Ablassbrief zu kaufen, auch wenn er dies als schädlich erachtete.

These 48

Docendi sunt christiani, quod Papa sicut magis eget ita magis optat in veniis dandis pro se devotam orationem quam promptam pecuniam.

Man muss die Christen lehren: Wie der Papst es stärker braucht, so wünscht er sich beim Gewähren von Ablässen lieber für sich ein frommes Gebet als bereitwillig gezahltes Geld.

Die positive Einstellung Luthers gegenüber Papst Leo X., dem er hier zutraute, dass er lieber eine persönliche Fürbitte als Geld für die Gewährung des Ablasses annehmen würde, war offenbar durchaus ernst gemeint. Noch 1518 lobte er ihn für seine Integrität und Gelehrsamkeit und bedauerte, dass die Zeiten ungünstig für sein Pontifikat seien. Luther gab auch zunächst nicht dem 1521 verstorbenen Papst die Schuld für die von ihm angeprangerten kirchlichen Missstände, sondern hielt die römische Kurie dafür für verantwortlich.

These 49

Docendi sunt christiani, quod venie Pape sunt utiles, si non in eas confidant, sed nocentissime, si timorem dei per eas amittant.

Man muss die Christen lehren: Die Ablässe des Papstes sind nützlich, wenn die Christen nicht auf sie vertrauen, aber ganz und gar schädlich, wenn sie dadurch die Gottesfurcht verlieren.

Da die Ablässe nur als Fürbitte der Kirche gegenüber Gott zu verstehen sind, einem Sünder die Gnade des Wachsens der Gottesliebe zuteilwerden zu lassen, kann es zwar weiter dem Seelenheil zuträglich sein, aber in weit vermindertem Maße. Ein verlässliches Instrument, um eine automatische Erlangung der Gnade Gottes durch persönliche Leistung zu erlangen, ist der Ablass jedoch nicht.

These 50

Docendi sunt christiani, quod, si Papa nosset exactiones venialium predicatorum, mallet Basilicam s. Petri in cineres ire quam edificari cute, carne et ossibus ovium suarum.

Man muss die Christen lehren: Wenn der Papst das Geldeintreiben der Ablassprediger kennte, wäre es ihm lieber, dass die Basilika des Heiligen Petrus in Schutt und Asche sinkt als dass sie erbaut wird aus Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe.

Luther kannte die Baustelle des Petersdoms aus persönlicher Anschauung von seiner Romreise 1511/12. Im Jahr 1505 hatte Papst Julius den Entschluss gefasst, die vernachlässigte Basilika St. Peter in Rom durch einen kolossalen Neubau zu ersetzen.

Nach seinem Tod 1513 gingen die Bauarbeiten allerdings, auch aufgrund ständig wechselnder Architekten und Baupläne, nur schleppend voran, bis schließlich Michelangelo Buonarotti 1547 die Bauleitung übernahm. Zur Finanzierung der erheblichen Baukosten dienten neben dem Peterspfenning auch die Einkünfte aus den Peterablässen. Geschickt suggerierte Luther aber in dieser These wieder einmal (wider besseren Wissens), der Papst wisse noch gar nichts von den Machenschaften der Ablasshändler und würde diese ansonsten sofort unterbinden.

These 51

Docendi sunt christiani, quod Papa sicut debet ita vellet, etiam vendita (si opus sit) Basilicam s. Petri, de suis pecuniis dare illis, a quorum plurimis quidam concionatores veniarum pecuniam eliciunt.

Man muss die Christen lehren: Der Papst wäre, wie er es schuldig ist, bereit, sogar durch den Verkauf der Basilika des Heiligen Petrus, wenn es sein müsste, von seinem Geld denen zu geben, deren Masse gewisse Ablassprediger das Geld entlocken.

Geschickt dreht Luther den angeblichen Zweck des Petersablasses um: Statt den Ärmsten das Geld aus der Tasche zu ziehen, sollte man die für den Petersdom bestimmten Mittel lieber dazu verwenden, diesen Menschen damit zu helfen und sie zu entschädigen.

Auch hier impliziert Luther wieder, dass der Papst vom Treiben der Ablasshändler nicht informiert sei und ihm das Wohl der ihm anvertrauten Christen wichtiger sein müsse als ein Bauwerk in Rom.

These 52

Vana est fiducia salutis per literas veniarum, etiam si Commissarius, immo Papa ipse suam animam pro illis impigneraret.

Nichtig ist die Heilszuversicht durch Ablassbriefe, selbst wenn der Ablasskommissar, ja, sogar der Papst selbst, seine Seele für sie verpfändete.

Die These 52 hallt wider wie ein Hammerschlag: Nach Luthers zuvor dargestellter Argumentation haben Ablassbriefe keinen Bestand mehr als Mittel zur Erlangung des Seelenheils. An diesem Faktum könne auch keine kirchliche Autorität etwas ändern, selbst wenn diese ihre Seele dafür verpfänden würden, nicht einmal die höchste kirchliche Autorität, der Papst selbst. Ein starker Affront.

Da Luther jedoch zuvor den Papst, der vom Treiben der Ablasshändler nichts wisse, explizit aus der Schussbahn genommen hat, gilt der Angriff vielmehr dem Verantwortlichen für die Ablasskampagne, dem Erzbischof Albrecht von Brandenburg. In seinem Begleitschreiben an Albrecht relativiert Luther dies allerdings, indem er behauptete, die Anweisungen an die Ablasshändler seien zwar in Albrechts Namen, aber ohne sein Wissen herausgegeben worden.

These 53

Hostes Christi et Pape sunt ii, qui propter venias predicandas verbum dei in aliis ecclesiis penitus silere iubent.

Feinde Christi und des Papstes sind diejenigen, die anordnen, wegen der Ablasspredigten habe das Wort Gottes in den anderen Kirchen völlig zu schweigen.

Hier bezieht sich Luther abermals auf den Text der Instructio summaria, der Anweisung Albrechts von Brandenburg für die Ablassprediger, dass in den für die Ablasspredigten reservierten Stunden anderwärts nicht gepredigt werden dürfe. Für Luther ein unerhörter Vorgang, da in dieser Zeit den Gläubigen die Botschaft des Evangeliums, das Wort Gottes, vorenthalten würde.

These 54

Iniuria fit verbo dei, dum in eodem sermone equale vel longius tempus impenditur veniis quam illi.

Unrecht geschieht dem Wort Gottes, wenn in ein und derselben Predigt den Ablässen gleichviel oder längere Zeit gewidmet wird wie ihm selbst.

Da nun aus dem Ablass – der ja nur für die Abgeltung irdischer Kirchenstrafen gilt – kein Heil zu erwarten ist, darf die Ablasspredigt nicht die Predigt über das wahrhaft heilbringende Wort Gottes verdrängen.

Luther ärgerte sich aber auch über den Inhalt der marktschreierisch vorgetragenen Predigten: In einem Brief an Staupitz äußerte er sich einige Zeit später, bei den Ablasspredigten sei „Gottloses, Falsches und Ketzerisches“ mit solcher Zuversicht vorgebracht worden, dass man Kritiker der Ablässe des Scheiterhaufens für wert erachtet habe.

These 55

Mens Pape necessario est, quod, si venie (quod minimum est) una campana, unis pompis et ceremoniis celebrantur, Euangelium (quod maximum est) centum campanis, centum pompis, centum ceremoniis predicetur.

Meinung des Papstes ist unbedingt: Wenn Ablässe, was das Geringste ist, mit einer Glocke, einer Prozession und einem Gottesdienst gefeiert werden, dann muss das Evangelium, das das Höchste ist, mit hundert Glocken, hundert Prozessionen, hundert Gottesdiensten gepredigt werden.

Die Predigt und der Verkauf des Ablasses wurden mit großem kirchlichem Pomp zelebriert. Friedrich Myconius (1490–1546), der spätere Reformator Gothas, beschrieb dies so:

„Der Ablass war so hochgeehrt, dass, wenn man den Ablasskommissar in eine Stadt einführte, so trug man die Bulle auf einem samtenen oder goldenen Tuch daher, und gingen alle Priester, Mönche, der Rat, Schulmeister, Schüler, Mann, Weib usw. mit Fahnen und Kerzen, mit Gesang und Prozession entgegen; da läutete man alle Glocken, schlug alle Orgeln, begleitete ihn in die Kirchen, richtete ein rotes Kreuz mitten in der Kirche auf, da hing man des Papstes Panier an; in Summa: man hätte nicht wohl Gott selbst schöner empfangen und halten können".

These 56

Thesauri ecclesie, unde Pape dat indulgentias, neque satis nominati sunt neque cogniti apud populum Christi.

Die Schätze der Kirche, aus denen der Papst die Ablässe austeilt, sind weder genau genug bezeichnet noch beim Volk Christi erkannt worden.

Mit dem Kirchenschatz, der nach Luthers Meinung weder exakt definiert noch von den Gläubigen richtig verstanden würde, meinte man zu Beginn des 16. Jh. die Verdienste Christi und der Heiligen, die in so großem Maße vorhanden seien, dass sie für den Rest der Christenheit zur Verfügung gestellt werden könnten.

Verwaltet werde dieser Schatz vom Papst, der diesen mittels Ablässen verteile. Wie Luther aber im Folgenden ausführen wird, ist diese Definition nicht zutreffend und der Kirchenschatz bedarf im Rahmen einer wissenschaftlichen Disputation eine Neudefinierung.

These 57

Temporales certe non esse patet, quod non tam facile eos profundunt, sed tantummodo colligunt multi concionatorum.

Zeitliche Schätze sind es offenkundig nicht, weil viele der Prediger sie nicht so leicht austeilen, sondern nur einsammeln.

Mit beißendem Spott prangert Luther hier die Ablassprediger an, deren Motivation er als rein gewinnorientiert ansieht: Materiell sind die wahren Schätze der Kirche nicht, denn von denen trennen sich die Prediger eher ungern.

These 58

Nec sunt merita Christi et sanctorum, quia hec semper sine Papa operantur gratiam hominis interioris et crucem, mortem infernumque exterioris.

Es sind auch nicht die Verdienste Christi und der Heiligen; denn sie wirken ohne Papst immer Gnade für den inneren Menschen, aber Kreuz, Tod und Hölle für den äußeren.

Luther nutzt hier bereits eine Einteilung, die er später in der Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (1520) weiter ausarbeitet: Die in den inneren und den äußeren Menschen, d.h. Leib und Seele, materieller Körper und immaterielles Bewusstsein. Die Gnade der Verdienste Christi und der Heiligen wirken auf die Seele, den inneren Menschen, auch unabhängig von Ablassbriefen und päpstlichem Zutun. Wer jedoch seine Schuld als Sünder zugibt, erweist sich der Kreuzesnachfolge, also auch der heilsamen Strafen für würdig, die auf den Körper, den äußeren Menschen einwirken und ihn so näher zur Gottesliebe bringen.

These 59

Thesauros ecclesie s. Laurentius dixit esse pauperes ecclesie, sed locutus est usu vocabuli suo tempore.

Der heilige Laurentius sagte, die Schätze der Kirche seien die Armen der Kirche. Aber er redete nach dem Wortgebrauch seiner Zeit.

Der Legende nach wurde Laurentius, im 3. Jh. unter Papst Sixtus II. Diakon in Rom, vom heidnischen Kaiser Valerian aufgefordert, den Schatz der christlichen Kirche herauszugeben. Laurentius verteilte jedoch die materiellen Güter unter den Bedürftigen, versammelte eine Schar Kranker und Bettler und präsentierte diese stattdessen dem Kaiser als den wahren Schatz der Kirche. Hierfür erlitt Laurentius den Märtyrertod auf einem glühenden Rost.

Diese Interpretation des „Kirchenschatzes“ lässt Luther jedoch auch nicht gelten, da er sie für eine veraltete Ansicht hält.

These 60

Sine temeritate dicimus claves ecclesie (merito Christi donatas) esse thesaurum istum.

Wohlüberlegt sagen wir: Die Schlüsselgewalt der Kirche, durch Christi Verdienst geschenkt, ist dieser Schatz.

Die Vorstellung der durch Jesus an die Kirche übertragene Schlüsselgewalt, um den Zugang zum Himmelreich zu öffnen oder zu verschließen,  basiert auf Matthäus 16,19: „Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“

Luther gibt also die Definition des Kirchenschatzes, die er zuvor in der These 56 als „dem Volk Christi nicht bekannt“ bezeichnet habe, selbst: Es sei die durch die Verdienste Christi der Kirche geschenkte Schlüsselgewalt, die Lösung von der Schuld der Sünde durch die Gerechtigkeit Christi, wie er im Folgenden ausführen wird.

These 61

Clarum est enim, quod ad remissionem penarum et casuum sola sufficit potestas Pape.

Denn es ist klar, dass für den Erlass von Strafen und von ihm vorbehaltenen Fällen allein die Vollmacht des Papstes genügt.

Da die Gewalt des Papstes für die Erteilung des Ablasses genügt – der für Luther, wie bereits mehrfach dargelegt, nur aus dem Erlass kanonischer Sündenstrafen besteht –, muss sich der Schatz der Kirche aus der Schlüsselgewalt herleiten, die der Kirche durch Christus verliehen wurde.

Der Papst kann aufgrund dieser Befugnis Kirchenstrafen verhängen und erlassen, ohne dass es die Verdienste Christi und der Heiligen zusätzlich bedarf. Diese können demnach also nicht der Schatz der Kirche sein, auf den sich die Ablässe berufen.

These 62

Verus thesaurus ecclesie est sacrosanctum euangelium glorie et gratie dei.

Der wahre Schatz der Kirche ist das heilige Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.

Mit dieser Interpretation des Kirchenschatzes widersprach Luther der mittelalterlichen Auffassung, dass die Verdienste Christi die Grundlage für die Ablassgewährung darstellten.

Papst Clemens VI. hatte diese Sichtweise 1343 in der Bulle „Unigenitus die filius“ verankert. Für Luther enthielt diese „Extravagante“ (eine Schrift des Kirchenrechts, die nicht in einer offiziellen Sammlung vertreten war) allerdings nur die „bloßen Worte eines Papstes“, die die Heilige Schrift missbräuchlich verdrehten. 

These 63

Hic autem est merito odiosissimus, quia ex primis facit novissimos.

Er ist aber aus gutem Grund ganz verhasst, denn er macht aus Ersten Letzte.

Luther spielt hier auf das Gleichnis Jesu von den Arbeitern im Weinberg aus dem Matthäusevangelium an (Mt. 20,1-16). Hierin vergibt ein Weinbergbesitzer den gleichen Tagelohn, unabhängig davon, ob er die Arbeiter morgens, mittags oder am Nachmittag eingestellt hatte. So werden die Ersten zu den Letzten (und umgekehrt).

Für Luther ergibt sich daraus, dass auch die Gnade Gottes gleichmäßig verteilt wird, unabhängig davon, wieviel Gutes oder Schlechtes man getan hat. Diese Gleichheit vor dem Evangelium passt jedoch denen nicht, die sich für über die Maßen mächtig, weise oder reich halten.

These 64

Thesaurus autem indulgentiarum merito est gratissimus, quia ex novissimis facit primos.

Der Schatz der Ablässe ist hingegen aus gutem Grund hochwillkommen, denn er macht aus Letzten Erste.

Wie aus dem Vorigen ersichtlich, bietet der Ablass nur einen vermeintlich leichten und somit attraktiveren Weg zum Seelenheil, da er nicht die Gottesliebe mehrt, sondern den Selbstbezug des Menschen verstärkt. Er ist in den Augen Luthers daher nicht der Weg in den Himmel sondern führt geradewegs in die Hölle.

These 65

Igitur thesauri Euangelici rhetia sunt, quibus olim piscabantur viros divitiarum.

Also sind die Schätze des Evangeliums die Netze, mit denen man einst Menschen von Reichtümern fischte.

Das Bild von den Netzen, mit denen man Menschen fischen soll ist eine klare Anspielung an die Berufung der Jünger Simon Petrus, Johannes und Jakobus durch Christus, der die damals am See Genezareth als Fischer tätigen Männer aufforderte, alle weltliche Habe zurück zu lassen und fortan mit ihm nach Menschen zu fischen.

Sicher nicht zufällig dürfte sein, dass Luther hiermit indirekt auch auf den Papst anspielt, der sich ja auf die Nachfolge Petri berief.

These 66

Thesauri indulgentiarum rhetia sunt, quibus nunc piscantur divitias virorum.

Die Schätze der Ablässe sind die Netze, mit denen man heutzutage die Reichtümer von Menschen abfischt.

Wie schon zuvor angeklungen, sieht Luther reine Profitgier hinter dem Verkauf der Ablässe, nicht die Intention, den Gläubigen in ihrer Suche nach dem Seelenheil ein Hilfsmittel in die Hand zu geben.

Tatsächlich war für Albrecht von Brandenburg, den Initiator der Ablasskampagne, das erste Jahr so einträglich, dass er einen Großteil seiner im Vorfeld angehäuften Schulden beim Augsburger Bankhaus Fugger abtragen konnte. Luthers öffentlich gewordene Kritik am Ablassverkauf verhindert allerdings, dass sich die darüber hinaus erhofften Profite einstellen.

These 67

Indulgentie, quas concionatores vociferantur maximas gratias, intelliguntur vere tales quoad questum promovendum.

Die Ablässe, die die Prediger als ‚allergrößte Gnaden‘ ausschreien, sind im Hinblick auf die Gewinnsteigerung tatsächlich als solche zu verstehen.

Satirisch verkehrt Luther hier das von den Ablasspredigern verkündete Gnadenversprechen in eines, das den Initiatoren des Ablasses die Gnade des Profits verheißt.

In Wahrheit – das konnte Luther jedoch nicht wissen – war der Verkauf des Petersablasses längst nicht mehr so einträglich wie in den Jahren zuvor, da sich inzwischen eine gewisse „Ablassmüdigkeit“ breit gemacht hatte: Der Markt war größtenteils gesättigt.

Hatte Kardinal Peraudi mit seiner Ablasskampagne 1502/03 noch an die 400.000 Gulden Gewinn eingestrichen, wurde die Kampagne Albrechts vorab auf vergleichsweise bescheidene 50.000 Gulden geschätzt. Dagegen standen monatliche Ausgaben von 300 Gulden für die Bezahlung der Ablasshändler selbst, von der Tetzel allein 80 Gulden einstrich, Gewinnbeteiligungen für die jeweiligen Landes- und Stadtherren sowie die Löhne für die kirchlichen Helfer vor Ort. Um einen passablen Gewinn zu erwirtschaften, musste Albrechts Verkaufsstrategie daher umso aggressiver sein.

These 68

Sunt tamen re vera minime ad gratiam dei et crucis pietatem comparate.

Doch in Wahrheit sind sie die allerkleinsten, gemessen an der Gnade Gottes und seiner Barmherzigkeit im Kreuz.

Luther fasst hier am Ende des Abschnitts über den Schatz der Kirche einmal mehr das zuvor Gesagte zusammen: Nur die Hinwendung zum Gnadenversprechen Gottes, gegeben durch den Kreuzestod seines Sohnes, führt zum Heil, nicht der Nachlass der Sündenstrafen mittels Geldzahlung.

These 69

Tenentur Episcopi et Curati veniarum apostolicarum Commissarios cum omni reverentia admittere.

Bischöfe und Pfarrer sind verpflichtet, die Kommissare der apostolischen Ablässe mit aller Ehrerbietung walten zu lassen.

Diese und die noch folgende These 71 wurden von vielen Kirchenhistorikern als Hinweis darauf gesehen, dass Luther den Ablass noch nicht gänzlich abgelehnt habe, sondern mit den 95 Thesen nur dem Missbrauch des Ablasses begegnen wollte.

Allerdings beziehen sich diese beiden Aussagen direkt auf die Instructio Summaria, das Handbuch Albrechts von Brandenburg für die Ablassprediger, das empfahl, mit Nachdruck auf bestehende Erlasse und Sanktionsmaßnahmen gegen etwaige Einsprüche hinzuweisen.

Beide Thesenpaare können daher argumentativ nur im jeweiligen Zusammenhang gesehen werden. Zwar anerkennt Luther die Vorschriften, um sie im gleichen Atemzug zu erweitern – quasi im Sinne eines „ja schon, aber…“.

These 70

Sed magis tenentur omnibus oculis intendere, omnibus auribus advertere, ne pro commissione Pape sua illi somnia predicent.

Aber noch stärker sind sie verpflichtet, mit scharfen Augen und offenen Ohren darauf zu achten, dass sie nicht anstelle des Auftrags des Papstes ihre eigenen Einfälle predigen.

Abermals lenkt Luther seine Angriffe nicht auf den vom Papst für diese Ablasskampagne offiziell ernannten Ablasskommissar Albrecht von Brandenburg, aus dessen Feder die Anweisungen für die Ablasshändler stammten, sondern auf seine Ablasshändler.

Diesen wirft er indirekt eigenmächtiges Verhalten vor, das nicht dem Interesse der Gläubigen, sondern nur ihrem eigenen dient. Im Folgenden wird noch deutlich werden, gegen wen genau sich Luthers Kritik richtet.

These 71

Contra veniarum apostolicarum veritatem qui loquitur, sit ille anathema et maledictus.

Wer gegen die Wahrheit der apostolischen Ablässe redet, der soll gebannt und verflucht sein.

Obwohl sich seit dem Frühmittelalter die Überzeugung durchgesetzt hatte, dass ein Christ aufgrund seiner Taufe nicht völlig aus der christlichen Gemeinschaft ausgeschlossen werden konnte, bedeutete der kirchliche Bann oder Exkommunikation faktisch doch genau das: Wen der Bannstrahl traf, dem wurde der Empfang aller Sakramente verweigert, wurde verboten, die Kirche zu betreten, und das kirchliche Begräbnis verwehrt.

Andere Christen durften keinen Umgang mehr mit ihm pflegen, da sich ansonsten die Strafe auch auf sie erstreckte. Diente der Bann seit frühsten Zeiten insbesondere als Mittel der Disziplinierung von Häretikern, wurde er im Laufe der Zeit immer mehr als kirchenpolitisches Kampfmittel und zur Eintreibung von Schulden und Abgaben eingesetzt. Sein inflationärer Gebrauch machte die Androhung des Banns zunehmend wirkungsloser.

Formal stimmt Luther hier der Weisung zu, dass die Missachtung der päpstlichen Ablässe mit dem Kirchenbann bestraft werden könne, aber nur, um dies in der darauf folgenden These wieder zu relativieren. Der angedrohte Bann sollte Luther ja dann auch tatsächlich selbst treffen: Am 3. Januar 1521 verhängte ihn Papst Leo X. offiziell über Luther. 

These 72

Qui vero, contra libidinem ac licentiam verborum Concionatoris veniarum curam agit, sit ille benedictus.

Wer aber seine Aufmerksamkeit auf die Willkür und Frechheit in den Worten eines Ablasspredigers richtet, der soll gesegnet sein.

Luther spielt hier mit großer Sicherheit auf die Werbeversprechungen der Ablasshändler um Tetzel an, der tatsächlich verkündete, man könne selbst ohne Reue seine Sünden gegen Geldzahlungen vergeben bekommen.

Neben dieser „ersten Hauptgnade“ machte Tetzel zudem noch weitere Zusicherungen: Freie Wahl eines Beichtvaters, was bedeutete, dass man einfach zu einem anderen Pfarrer gehen konnte, wenn dieser die Absolution nicht erteilen wollte (zweite Hauptgnade), Anteil an den spirituellen Gütern der Kirche ohne Notwendigkeit der Beichte, was suggerierte, dass Vergebung auch ohne Reue einfach mit einem Ablassbrief käuflich sei (dritte Hauptgnade) und schließlich der Nachlass aller Sünden im Fegefeuer auch für die Seelen, die sich bereits darin befanden, durch den Freikauf durch die lebenden Nachkommen (vierte Hauptgnade).

Auf letzteres hatte Luther bereits in der These 27 angespielt: „Lug und Trug predigen diejenigen, die sagen, die Seele erhebe sich aus dem Fegfeuer, sobald die Münze klingelnd in den Kasten fällt.“

These 73

Sicut Papa iuste fulminat eos, qui in fraudem negocii veniarum quacunque arte machinantur

Wie der Papst mit Recht den Bann gegen die schmettert, die mit einigem Geschick etwas zum Schaden des Ablasshandels im Schilde führen.

Bei den Thesen 73 und 74 handelt es sich eigentlich um einen zusammenhängenden Streitsatz, der nur durch den Drucker eine eigene Zählung erfuhr. Wie in den Thesen zuvor spielt Luther hier wieder mit dem Gegensatzpaar des vorgeblichen Zugeständnisses der Autorität des Papstes in der Frage des Ablasses einerseits – zumindest hinsichtlich etwaiger Fehlentwicklungen – die er aber geschickt in eine versteckte Forderung nach einer größeren Kontrolle der Ablasshändler und ihrer Werbeversprechen andererseits ummünzt.

Die Nummerierung der Thesen geht übrigens generell auf die Eigenmächtigkeit der Drucker zurück, Luthers Manuskript dürfte noch keine Zählung besessen haben. Zudem verzählt sich der erste Drucker von Luthers Thesen, Jacob Thanner, bei den für ihn offenbar noch sehr neuen arabischen Ziffern: Nach Zahlendrehern und mehrfachem Verzählen landet er schließlich bei 87 Thesen, nicht 95. Die Nachdrucker in Nürnberg (Hieronymus Hölzel) und Basel (Adam Petri) wählten sicherheitshalber Zahlenblöcke von 1–25 und 1–20 bzw. I–XXV und I–XX.

These 74

Multomagnis fulminare intendit eos, qui per veniarum pretextum in fraudem sancte charitatis et veritatis machinantur.

…so viel mehr beabsichtigt er, den Bann gegen die zu schmettern, die unter dem Deckmantel der Ablässe etwas zum Schaden der heiligen Liebe und Wahrheit im Schilde führen.

Vermutlich in Anlehnung an die als Gegensatzpaare aufgebauten Thesen zuvor ordnete der Drucker der These 74 eine eigene Nummer zu, obwohl es sich streng genommen um den zweiten Satzteil der These 73 handelt.

Luther räumt hierin ein, dass der Papst das Recht habe, gegen unberechtigte Kritiker des legitimen Ablasshandels die schwersten Kirchenstrafen zu verhängen, auch wenn Luther eigentlich gerade erst den Nachweis geführt hat, dass die Ablässe obsolet seien.

Doch aus diesem Recht erwächst für Luther nun auch die Verpflichtung seitens des Papstes, gegen diejenigen Kräfte in den eigenen Reihen vorzugehen, die den Ablass rein aus Profitgier vertreiben würden. Auch hierzu solle er sich des Kirchenbannes bedienen, der schwersten Kirchenstrafe, die Ausschluss aus der christlichen Gemeinde,  Verwehrung der Sakramente und dadurch letztlich die Gefährdung des eigenen Seelenheils nach sich zog.

Luther ahnte wohl kaum, dass ihn wenige Jahre später selbst dieser Bann aufgrund seiner Thesen und Ideen treffen sollte.

These 75

Opinari venias papales tantas esse, ut solvere possint hominem, etiam si quis per impossibile dei genitricem violasset est insanire.

Zu glauben, die päpstlichen Ablässe seien derart, dass sie einen Menschen absolvieren könnten, selbst wenn er – gesetzt den unmöglichen Fall – die Gottesgebärerin vergewaltigt hätte, das ist verrückt sein.

In These 75 finden wir einen erneuten Hinweis darauf, dass Luther insbesondere Tetzel im Sinn hat, wenn er von den Ablasshändlern schreibt. Den ungeheuren Vorwurf, sie (d.h. Tetzel) hätten behauptet, man könne sich mit dem Ablass auch von der Vergewaltigung der Gottesmutter Mariens freikaufen, wiederholt er auch im Begleitbrief an Erzbischof Albrecht von Brandenburg. 

Zumindest ist auffällig, dass sich Tetzel eilends am 12. Dezember 1517 in Halle ein Gutachten vom Magistrat und Rat der Stadt einholen ließ, die bezeugen sollten, dass er die anstößige Predigt über die hypothetische Vergewaltigung der Jungfrau Maria nicht gehalten habe. Zwei Tage später ließ er sich dies auch noch einmal vom gesamten Klerus der Stadt bestätigen. 

Allerdings wird der Umstand betont, dass dies sich nur auf seine Predigttätigkeit in Halle beziehe – was den Schluss zulässt, dass er diese Aussage vielleicht auch anderswo getätigt haben könnte.

Noch im Jahr darauf, am 31. Dezember 1518 beteuert Tetzel gegenüber dem päpstlichen Nuntius Karl von Miltitz, unschuldig zu sein: „Ich habe mich der Lästerung wider die heilige Jungfrau, so mir Luther zugemessen, wie Eure Ehrwürden aus anbei überschickten Kopien ersehen wird, entschuldigt.“

Gleichwohl beharrt Tetzel in seiner Entgegnung auf Luthers 95 Thesen im Mai 1518 darauf, dass Christus selbst sehr wohl diese Sünde vergeben könne, da sie auch gegen ihn verübt würde. An dieser Behauptung hat Luther dann auch nichts auszusetzen.

These 76

Dicimus contra, quod venie papales nec minimum venialium peccatorum tollere possint quo ad culpam.

Wir sagen dagegen: Die päpstlichen Ablässe können nicht einmal die kleinste der lässlichen Sünden tilgen, was die Schuld betrifft.

Der angeblichen Behauptung Tetzels und der Ablasshändler, man könne sich mit dem Ablass auch von den schlimmsten Sünden freikaufen, etwa von der Vergewaltigung der Gottesmutter, entgegnet Luther, dass man sich ganz im Gegenteil von überhaupt keiner Sünde, nicht einmal der kleinsten,  freikaufen könne. 

Luther spricht hierbei die sicher oftmals gemachte (und vielleicht von den Ablasshändlern auch bewusst betriebene) Verwechslung der Sündenstrafen mit den Sünden selbst an. Luther hält hier an der kirchlicherseits vertretenen Auffassung fest, dass ein Ablass nur die Folge der Sünde, also die Sündenstrafe erlassen könne. Für die Vergebung der Sünde selbst, die nur Gott gewähren könne, sieht Luther immer noch die Beichte des Sünders und priesterliche Absolution als notwendige Voraussetzungen an.

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