Exponat des Monats - Mensch des Monats

Taschenuhr aus dem Besitz von Philipp Melanchthon, 1530. The Walters Art Museum, Baltimore. Inv. 58.17.
Veröffentlicht am 
03.08.2017
Jeden Monat widmen wir einem Exponat oder einem Menschen aus der Sonderausstellung einen besonderen Blick.

Taschenuhr aus dem Besitz Philipp Melanchthons

Die Stunde der Reformatoren

Für das 16. Jahrhundert muss diese Taschenuhr etwas gewesen sein, wie für uns heutige der Besitz der neuesten Generation eines Luxus-Smartphones: Sündhaft teuer und nur wenigen Glücklichen vorbehalten. Bis dahin waren Uhren groß und klobig gewesen, schwere Pendelgewichte hielten die großen Zahnräder in Bewegung. Einer der ersten, der solche Wunderwerke der Miniaturisierung herstellen konnte, war der Nürnberger Uhrenmacher Peter Henlein.

Für das Jahr 1526 existiert eine Quittung über den stolzen Preis von 15 Gulden an Henlein für die Herstellung eines „Pysm Apfels“ – einer Taschenuhr, die wie die Melanchthons in der Form eines Bisamapfels, also einer Riechkugel, hergestellt war . Es liegt nahe, dass Philipp Melanchthon als einer der führenden Köpfe der Reformation die Uhr vom Rat der Stadt geschenkt bekommen hat, war er doch eng mit Nürnberg verbunden: Er stand mit den reformatorischen Kräften der Stadt in ständigem Briefkontakt, 1525 und 1526 weilte er in Nürnberg, um dort die Gründung des ersten Gymnasiums voranzutreiben, 1530 soll er hier bei der An- und Abreise zum Augsburger Reichstag Station gemacht haben. Auf diesen Anlass könnte auch die Inschrift auf dem Boden der Taschenuhr hinweisen: „Phil[ipp) Mela(nchthon) / Gott. alein./ die. Ehr. 1530“.  „Soli Deo Gloria“ – „Allein Gott die Ehre“ ist einer der wichtigsten Slogans der Reformation.

Es ist überaus passend, dass ausgerechnet Melanchthon ein derartiges Stück besaß, die seit kurzem als die älteste datierte Taschenuhr der Welt gilt: Als Universalgenie mit profundem Wissen in fast allen Wissensgebieten seiner Zeit interessierte er sich auch für die Sternenkunde, die damals noch aus einer Mischung zwischen Astronomie und Astrologie bestand. Zur Erstellung von Horoskopen war die genaue Kenntnis des Datums und der Uhrzeit unerlässlich, wofür Melanchthon auch weitere Messinstrumente aus Nürnberg bezog.

Auch Luther könnte eine ähnliche Taschenuhr besessen haben. So bedankte er sich bereits 1527 bei einem Briefpartner aus Nürnberg für die Zusendung einer Uhr. Sie würde ihn motivieren, Mathematik zu studieren, um ihre Funktionsweise besser zu verstehen, wie er leicht süffisant anmerkte.

In der Wittenberger Ausstellung über den Anfang und die Folgen der Reformation steht die Taschenuhr Melanchthons nicht nur stellvertretend für den Reformator, sondern auch als redendes Symbol für den Anbruch einer neuen Zeit: Zeitgleich mit Luthers 95 Thesen hatte eine neue Epoche gewaltiger gesellschaftlicher, aber auch wissenschaftlicher und technologischer Umwälzungen begonnen, deren Folgen wir noch heute wahrnehmen können.

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