48.000 Meilen rund um die Welt

Zeitungsausschnitte von 1913
04. April 2020
Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Mirko Gutjahr, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung stieß auf einen interessanten Gästebucheintrag in unserem Lutherhaus in Wittenberg. Wer den Beitrag verfasste und welche Geschichte dahinter steckt, das recherchierte Mirko Gutjahr und ist im folgenden nachzulesen.

 

48.000 Meilen rund um die Welt

Die Besucherbücher der Stiftung Luthergedenkstätten sind immer wieder für eine Überraschung gut. Damit sind nicht nur die freundlichen und (meist) konstruktiven Kommentare zur Dauerausstellung oder zu den Sonderschauen gemeint, sondern auch die Angaben etwa über die Herkunft der Gäste und den Anlass ihres Besuches. Das Wittenberger Lutherhaus verfügt über einen Schatz von einigen Dutzend dichtbeschriebenen Bänden, die bis zum Jahr 1783 zurückreichen und damit eine der längsten Traditionen von Besucherbüchern in Deutschland überhaupt belegen. Sie zeigen dabei das ungebrochene Interesse an den Wirkungsstätten des Reformators, das sich quer durch alle Bevölkerungsschichten und Herkunftsländer zieht.

 

Eine rätselhafte Postkarte

Bei der Durchsicht einer der Besucherbücher fiel mir neulich eine Postkarte in die Hände, die jemand zwischen die Seiten gesteckt hatte. Darauf zu sehen ist eine Schwarz-Weiß-Fotografie einer jungen Frau, die eine US-Flagge in Händen hält. Zu ihren Füßen hält ein kleiner Hund aufmerksam Wache. Auf ihrer Bluse prangt die Aufschrift „Walking 48.000 Miles around the World“, also etwa „48.000 Meilen zu Fuß rund um die Welt“. Wer war sie und warum lief sie um die Welt? Und was macht die Karte in unserem Besucherbuch? Glücklicherweise gibt die Karte noch mehr Hinweise auf die Identität der Frau: Am unteren Bildrand steht die Erklärung, dass sich „The Champion Walker of the World“ infolge einer Wette um 10.000 Dollar mit dem „Polo Monthly“ Magazin auf den Weg gemacht habe. Leider steckte die Karte nicht mehr an der originalen Stelle, so dass erst nach einigem Suchen auch der eigenhändige Eintrag der jungen Frau gefunden werden konnte: Am 12. August 1913 hatte „Mrs Harry Humphries, the Globetrotter from New York U.S.A.“ das Lutherhaus besucht und ihre Unterschrift sowie die Postkarte dagelassen.

 

Eine Spurensuche

Nun war meine Neugier geweckt und ich wollte mehr wissen über Mrs Harry Humphries. Doch die Recherche nach der Globetrotterin stellte sich als ziemlich mühsam heraus, niemand schien sich eingehender mit der Weltreisenden und ihrer Geschichte beschäftigt zu haben. Glücklicherweise hatte erst im letzten Jahr das Bankfieldmuseum in Halifax (Großbritannien) dem Thema „Reisende Frauen“ eine Sonderausstellung gewidmet. Über das Museum kam ich in Kontakt mit dem Historiker Robert Hamilton, der die wenigen Spuren zusammengetragen hat (und demnächst auch ein Buch über sie herausbringen wird). Ihm verdanke ich einen Großteil der biographischen Informationen über Lizzie.

 

Die unbekannte Weltreisende

 „Mrs Harry Humphries“ wird demnach 1883 als Elizabeth („Lizzie“) Ann Yates in Halifax, England geboren. Wie viele andere am Anfang des 20. Jahrhunderts sucht sie ihr Glück in Übersee und wanderte 1908 nach dem Tod ihrer Mutter zunächst nach Kanada aus. Mit einem gewissen schauspielerischen Talent ausgestattet, tritt sie unter dem Künstlernamen „Elsie Kelsey“ auf kleineren Bühnen zunächst in Kanada, dann aber auch in New York auf. Zwei Jahre später, im Sommer  1910, lernt sie dort einen ebenfalls aus England stammenden Schauspieler namens Harry Humphries kennen. Dieser ist offenbar mindestens genauso motiviert wie sie selbst, Ruhm und Reichtum zu erlangen. Die beiden heiraten im September und beschließen, ihre Flitterwochen damit zu verbringen, zu Fuß nach Florida zu laufen. Als sie auf einer Eisenbahnbrücke beinahe von einem entgegenkommenden Zug überrollt werden und sich nur durch einen beherzten Sprung retten können, bringt ihnen das genug Publicity, um ihren nächsten Schritt anzugehen: die Globetrotter-Wette.

 

Die Wette

Das Paar hatte das recht unbekannte (und wenige Jahre danach eingestellte) „Polo Monthly“-Magazin überreden können, die beträchtliche 10.000 Dollar auszuzahlen, falls es ihnen gelingen sollte, innerhalb von vier Jahren zu Fuß einmal rund um die Welt zu laufen und dabei 48.000 Meilen zurückzulegen. Am 22. Juli 1911 brechen sie von New York aus auf, um zunächst durch Kanada zu wandern, wo sie sich mit ihren Revolvern gegen Straßenräuber und Wölfe zur Wehr setzen müssen. Zumindest sind es diese Geschichten, die sie der Presse und den zahlenden Zuhörern bei ihren abendlichen Vorträgen erzählen. Von Kanada setzen sie per Schiff nach England über, wo Lizzies Familie lebt.  Am 5. Januar 1912 berichtet Lizzie ihren Eltern, dass sie nun allein unterwegs sei – ihr Ehemann Harry muss „wegen eines Nervenzusammenbruchs“ die Wanderung abbrechen. In Wahrheit ist er mit dem gesamten Geld des Paares durchgebrannt und nach Amerika zurückgekehrt.

 

Durch die Welt nach Wittenberg

Trotz dieses Rückschlages und ihrer sie nun ständig begleitenden Geldprobleme setzt Lizzie ihre Weltumrundung über die britischen Inseln nach Norwegen, Schweden und Finnland bis nach Russland fort. In Finnland läuft ihr „Vicksie“ zu, eine Promenadenmischung, die fortan ein treuerer Begleiter ist, als es ihr Ehemann je war. Der kleine Hund ist nun auch auf den Ansichtskarten zu sehen, die sie zur Finanzierung ihres Lebensunterhalts während der Weltumrundung verkauft. Daneben nimmt sie Geld weiterhin vor allem über die abendlichen Auftritte in den Orten ein, in denen sie Station macht. So auch in Deutschland, das sie im Sommer 1913 erreicht. Am 12. August 1913 trifft sie offenbar in Wittenberg ein, wo sie – wie wir jetzt wissen – auch das Lutherhaus besuchte.  Am Folgetag tritt sie im „Union Theater“ im „Centralhotel am Markt“ auf, wie das Wittenberger Tagblatt ankündigt (siehe Abbildung). Da sie die Landessprache nicht beherrscht, behilft sie sich mit kurzen Filmen, die sie an den Stationen ihrer Reise anfertigen lässt. Die kurzen Filmstreifen zeigen sie und Vicksie vor den Wahrzeichen der jeweiligen Stadt. Leider hat sich nur eine einzige Filmrolle erhalten, auf der sie beim Empfang in Düsseldorf, auf einem Boot und in einem Lokal vor einer Rheinbrücke zu sehen ist  (siehe Link). Falls es auch einen vergleichbaren Film von Wittenberg gab, hat er leider die Zeitläufte nicht überlebt.

 

Der Blumenstrauß

Von Wittenberg wanderte Lizzie nach Norden Richtung Berlin, wo ihr einer der spektakulärsten PR-Stunts gelingt: Vom Fenster ihres Hotelzimmers wirft sie ein Blumenbouquet (mit ihrer Visitenkarte daran)  in Richtung des von seiner Herbstparade hoch zu Ross zurückkehrenden Kaisers Wilhelm II.  und trifft ihn unbeabsichtigt damit fast am Kopf. Ihr Hotelzimmer wird daraufhin von Berliner Gendarmen gestürmt, die sie gleich eines Attentatsversuchs auf den Kaiser verdächtigen, da sie immer noch ihre beiden Revolver mit sich führt. Sie wird festgenommen und kurz verhört, bis sich die Sache dann doch schnell klären lässt und sie der Stadt verwiesen wird. Amüsiert berichten die Zeitungen von diesem Vorfall.

 

Das Ende der Wette

Doch die damit erzielte Aufmerksamkeit ist nur von kurzer Dauer: Nach kurzen, wenig erfolgreichen Aufenthalten in den Niederlanden und Belgien reist sie Anfang 1914 nach Frankreich weiter, wo ihre Geldsorgen so drückend werden, dass sie sich um einen Vorschuss beim „Polo Monthly“-Magazin bemüht – ohne Erfolg. Ihr Weg führt sie nun kreuz und quer durch Europa, immer auf der Suche nach Auftritten, die ihr etwas Geld einspielen. Als im August 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht – Lizzie befindet sich gerade wieder einmal in Deutschland – ist das Ende ihrer Weltreise besiegelt. Sie muss nach England zu ihrer Familie zurückkehren und von dort aus zurück in die USA, und obwohl sie schon sehr nahe an den 48.000 zurückzulegenden Meilen ist:  Die Wette ist endgültig vorbei. Nach dem Krieg scheint sie jedoch noch einmal nach Europa zurückgekehrt zu sein: 1923 hält sie in den Niederlanden im Rahmen der Girl-Scout-Bewegung einen Vortrag über ihre versuchte Weltreise. Sie ist überzeugt, dass Wandern eine mächtige Waffe gegen Fettleibigkeit und sogar Tuberkulose ist, sogar „besser als das Tanzen“. Danach verwischt sich ihre Spur allmählich. Über ihre folgenden Jahre wissen wir nahezu nichts. 1919 scheint sie noch einmal geheiratet zu haben, einen gewissen Harry Norman aus Dresden. Im Jahre 1959 stellt sie einen Antrag auf Einbürgerung in die USA  und stirbt schließlich im Jahr darauf mit 77 Jahren in Florida – das Ende eines wahrlich bewegten Lebens.

 

Originalfilm vom Besuch Lizzie Humphries in Düsseldorf 1914  https://www.youtube.com/watch?v=QKDiiQQ-Cyw

 

Die Postkarte der Globetrotterin Lizzie Humphries im Gästebuch des Wittenberger Lutherhauses, darunter ihr eigenhändiger Besuchereintrag.  (© Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt/Foto: Mirko Gutjahr)
Wittenberger Tageblatt

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