Sonderausstellungen

01. Oktober 2020 bis 31. Oktober 2022
Luthers Sterbehaus | Lutherstadt Eisleben

Raus mit der Sprache!

Die Sprache Martin Luthers hat die Welt bewegt: Seine und unsere heutige Sprache werden in unserer Mitmachausstellung „Raus mit der Sprache!“ in Eisleben erfahrbar – experimentell, interaktiv und spielerisch!

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20. August 2021 bis 20. Februar 2022
Augusteum | Lutherstadt Wittenberg

Pest. Eine Seuche verändert die Welt

Kaum eine Krankheit hat bis heute solche Spuren in der abendländischen Kultur hinterlassen und das kulturelle Gedächtnis Europas so tief geprägt wie die Pest. In der neuen Sonderausstellung gehen wir der Pest auf den Grund.

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500 Jahre evangelischer Gottesdienst in Wittenberg

29. September 2021
Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

"Eine christliche Stadt" - 500 Jahre evangelischer Gottesdienst in Wittenberg

Heute vor 500 Jahren, am 29. September 1521 fand die erste evangelische Abendmahlsfeier statt und am folgenden Weihnachstag hielt Luthers Kollege Andreas Bodenstein, nach seinem Herkunftsort auch Doktor Karlstadt genannt, den ersten evangelischen Gemeindegottesdienst. Luther selbst konnte das nicht tun. Er war noch auf der Wartburg. In der Stadt herrschte eine euphorische und enthusiastische Aufbruchsstimmung.

Melanchthon begann. Er wollte offenbar ein Zeichen setzen: Am 29. September teilte er das erste Mal in der Reformation überhaupt in der Stadtkirche das Abendmahl in "beiderlei Gestalt" an seine Studenten aus, also nicht nur das Brot, sondern auch den Wein. Das war der erste evangelische Gottesdienst überhaupt.

Manch Ungeduldigem ging es nicht schnell genug. Selbst Luther von der Wartburg aus schrieb Mitte Dezember 1521 an Spalatin: "Soll etwa über das Wort Gottes fortwährend nur disputiert und der Tat sich immer enthalten werden?" Antiklerikale Aktionen unterstrichen diese Ungeduld. Priesterwohnungen wurden gestürmt. Die Messbücher wurden gestohlen und Priester vom Altar vertrieben. Mönche verließen die Klöster und wurden Handwerker.

Der Kurfürst nahm diese Aktionen zum Anlass, vor "Aufruhr und Empörung" zu warnen. Die Reformationsanhänger argumentierten genau andersherum: Wenn nicht bald Neuerungen erfolgten, dann würde "Aufruhr und Empörung" drohen.

Im Zentrum stand die Forderung nach evangelischem Gottesdienst. In der mittelalterlichen Kirche herrschte die Vorstellung, in dieser Feier würde das Abendmahl eine sündenvergebende Wiederholung von Christi Opfertod sein. Zum zweiten versicherte man sich der Fürsprache der Heiligen. Zum dritten glaubte man, der Priester würde kraft seines Amtes auf quasi magische Weise Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandeln. Das konnten die Reformatoren nicht akzeptieren: Christus hat sein Opfer nur einmal gebracht, mit seinem Tod am Kreuz. Es ist daher nicht wiederholbar. Die Heiligenverehrung wiederum lenke von dem einzigen Erlöser ab: Jesus Christus. Die Vorstellung, der Priester könne Brot und Wein in Leib und Blut Christi "verwandeln", sei Aberglauben. Die meisten Menschen waren des Kirchenlatein unkundig. Der zentrale Satz der Einsetzungsworte beim Abendmahl "Das ist mein Leib" heißt auf Latein: "Hoc est corpus meus". Manche glauben, dass der Zauberspruch "Hokuspocus" eine Verballhornung dieser Einsetzungsworte sei. Erst seit dem 12. Jahrhundert durfte der Wein nicht mehr von der ganzen Gemeinde, sondern nur noch vom Priester getrunken werden. Luther nahm dem mit einem Satz die Grundlage: „Also werden wir allesamt durch die Taufe zu Priestern geweiht. Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei." Damit hatte Luther dem Klerus die Existenzberechtigung genommen.

Gegen den Willen des Kurfürsten, aber mit Rückendeckung von Rat, Gemeinde und Universität, kündigte Karlstadt am 22. Dezember 1521 öffentlich an, am Neujahrstag 1522 evangelischen Gottesdienst zu halten. Um einem kurfürstlichen Verbot zuvorzukommen, zog Karlstadt den Termin kurzerhand auf den Weihnachtstag vor. 2000 Menschen nahmen daran teil, ein Großteil der Einwohnerschaft. Er trat in weltlicher Kleidung auf. Der Gottesdienst verlief weithin traditionell, die Gesänge und Gebete weithin sicher auch noch in Latein, denn evangelische Überstzungen gab es noch nicht. Allerdings wurde der "Kanon", der die Messe zu einer Wiederholung von Christi Opfertod machte, weggelassen. Das Abendmahl wurde unter beiderlei Gestalt gereicht. Die Einsetzungsworte sprach Karlstadt auf deutsch.

Rat, Gemeinde und Universität einigten sich Ende Januar auf den Erlass einer "Ordnung der Stadt Wittenberg". Es war eine umfassende Ordnung, die Wittenberg als "christliche Stadt" ausweisen sollte. Im Zentrum standen soziale Maßnahmen. Die Kirchengüter sollten konfisziert werden und daraus das Armen-, Kranken-, und Bildungswesen finanziert werden.

Die Ordnung befasste sich auch mit der Gestaltung des kirchlichen Lebens. Die Gottesdienste sollten wie am Weihnachtstag nach evangelischen Grundsätzen gestaltet werden. Zentrum wurde nun die Predigt des Gotteswortes. Auf Befehl des Kurfürsten setzten seine Räte aber durch, dass die Ordnung entschärft wurde. Karlstadt stellte man kalt.

Anfang März 1522 kam Luther nach Wittenberg zurück und hielt seine Invokavitpredigten. Er begrüßte die Beendigung der Reformen. Viele "Schwachen" seien noch nicht so weit. Man müsse sie erst überzeugen. Die Begeisterung und Aufbruchstimmung wich zunächst weithin Desillusionierung und Enttäuschung. Aber die reformatorische Bewegung verbreiterte und verstärkte sich weiter, so dass es seit dem Frühjahr 1523, nun von Luther aktiv gefördert, zu einem neuen Aufschwung auch gottesdienstlicher Reformen kam.

 

Autor: Dr. Volkmar Joestel
Er arbeitete über 30 Jahre als Historiker im Lutherhaus. Wissenschaftlich hat er sich vor allem mit einem Hauptakteur der "Wittenberger Bewegung" 1521/22, dem Mitstreiter und späteren Gegner Luthers Andreas Bodenstein, genannt Doktor Karlstadt, beschäftigt. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit waren Luthermythen und -legenden.

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