Sonderausstellungen

01. Oktober 2020 bis 31. Oktober 2022
Luthers Sterbehaus | Lutherstadt Eisleben

Raus mit der Sprache!

Die Sprache Martin Luthers hat die Welt bewegt: Seine und unsere heutige Sprache werden in unserer Mitmachausstellung „Raus mit der Sprache!“ in Eisleben erfahrbar – experimentell, interaktiv und spielerisch!

weiterlesen

 

20. August 2021 bis 20. Februar 2022
Augusteum | Lutherstadt Wittenberg

Pest. Eine Seuche verändert die Welt

Kaum eine Krankheit hat bis heute solche Spuren in der abendländischen Kultur hinterlassen und das kulturelle Gedächtnis Europas so tief geprägt wie die Pest. In der neuen Sonderausstellung gehen wir der Pest auf den Grund.

weiterlesen

 

Ausbruch der Pest in Hamburg

Logo "Heute vor 500 Jahren"
25. Juli 2021
Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Heute vor 500 Jahren, am 25. Juli 1521, bricht in Hamburg die Pest aus.

So ganz genau wird man das sicher nicht auslegen können. Denn der quellenmäßige Hinweis auf die potenzielle Katastrophe fällt denkbar knapp aus. In der Hamburgischen Chronik des Adam Tratziger aus dem Jahre 1557 heißt es lapidar: „In diesem jare [1521] war eine große pestilenz zu Hamburg, die fieng an umb Jacobi und weret biz auf Nicolai.“ Eine ungefähre Zeitspanne also, festgehalten im Rückblick.

Dennoch: Viereinhalb Monate sind reichlich Zeit für eine Epidemie, um sich auszubreiten. Die Pest ist eine Infektionskrankheit. Ihr Erreger, das Bakterium Yersinia Pestis, wird durch Flöhe von Tieren auf Menschen übertragen. Die ersten Symptome sind unspezifisch: Kopfschmerzen, Fieber, Abgeschlagenheit. Ganz ähnlich wie bei einer Grippe. Oder bei Corona heute. Nur wenig später jedoch zeigen sich die berüchtigten Geschwüre, denen die Krankheit ihren Namen verdankt: die Beulenpest. Lebt der Erkrankte lange genug, wandern die Erreger in die Lunge. Von da an brauchen sie nicht einmal mehr den Floh als Träger. Sie werden durch die Luft direkt von Mensch zu Mensch übertragen.

In Hamburg, heute vor 500 Jahren, weiß man all das natürlich nicht. Man sucht die Ursache der Krankheit beim vorangegangenen milden Winter, der eine Reihe ungewöhnlich hoher Sturmfluten mit sich brachte. Im Februar kam ein Hochwasser dazu, das große Mengen Schlamm in der Stadt ablud. Schlechte Luft und üble Gerüche, so die damals verbreitete Auffassung, sind verantwortlich für den Ausbruch der Krankheit. So ganz falsch war und ist das sicher nicht.

Um das Jahr 1500 leben in Hamburg rund 14.000 Menschen. Und ihre Zahl wächst rapide: Nur einhundert Jahre später sind es bereits an die 40.000. Die Handelsstadt gilt als reich. Da Reichtum im Notfall verteidigt werden muss, gibt es Befestigungsanlagen, die das Stadtgebiet nach allen Seiten umschließen. Die Folge sind Raumnot und enge Wohnverhältnisse. Das Konzept „Großstadt“ befindet sich noch im Experimentierstadium. Wesentliche Elemente der Infrastruktur, die heute selbstverständlich sind, fehlen. In Hamburg etwa gibt es damals noch keine Kanalisation. Sauberes Wasser zu haben ist Glückssache – und manchmal auch eine Frage des Geldes. Gut betuchte Bürger schließen sich zu sogenannten Interessenschaften zusammen, die ihre eigenen Brunnen finanzieren. Oft aber sind "Fleete und Siele"* die einzige Möglichkeit, an Wasser zu kommen. Über sie werden auch die Abfälle entsorgt.

Dass diese Mischung nicht optimal ist, ahnen die Menschen bereits. Doch Verwaltung und öffentliche Ordnung – „Policey“ im Terminus der Zeit – stecken 1521 noch in den Kinderschuhen. Der Stadtrat handelt im Rahmen seiner Möglichkeiten: Es ergehen Verordnungen, welche die hygienischen Verhältnisse verbessern sollen. Das „Niedersitzen“ auf offener Straße wird verboten. Gleiches gilt für die Praxis, den Inhalt des Nachtgeschirrs und den Hausmüll aus dem Fenster zu entsorgen. Die „Gassenkummerordnung“ von 1480 schreibt vor, dass jeder seinen Unrat selbst vor die Stadt zu bringen habe. Doch das funktioniert nur leidlich. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wird deshalb die Müllabfuhr eingeführt – damals eine Arbeit für Sträflinge.

Natürlich gibt es Ärzte in der Stadt. Die haben im 16. Jahrhundert sogar meist ein Studium vorzuweisen. Hamburger Doktoren studieren im Ausland, in Frankreich, Italien; etliche auch an den neu gegründeten Universitäten im Reich, etwa in Wittenberg. Aber die Dienste solch gelehrter „Physici“ kann sich nicht jeder leisten. Und so nehmen viele Menschen Zuflucht zu den sonstigen Anbietern medizinischer Dienste: den Badern, Apothekern, Theriak-Kramern und „alten Weibern“. Wer völlig mittellos ist, dem bleibt häufig nur die Aufnahme in die Spitäler und Siechenhäuser. Einrichtungen wie diese befinden sich meist in kirchlicher Trägerschaft und werden aus Stiftungen frommer Bürger finanziert. Für Epidemien sind sie kaum ausgerüstet. Erst 1527 wird vor dem Millerntor, ein Stadttor Hamburgs im Westen der Stadt, ein Haus eigens für Pestkranke errichtet.

Ein anderes Problem sind die Friedhöfe. In Hamburg halten sie sich hartnäckig innerhalb der Stadtmauern. Die Begräbnisplatze, die ab 1564 vor den Toren angelegt werden, haben ein Imageproblem: Auf ihnen werden vornehmlich die Armen beigesetzt. Wer etwas auf sich hält, lässt sich weiterhin auf den innerstädtischen Kirchhöfen bestatten. Und noch etwas bereitet dem Rat Kopfzerbrechen: Aus Furcht vor Repressalien oder gesellschaftlicher Ächtung lassen manche Familien ihre an Krankheiten verstorbenen Angehörigen heimlich und im Schutz der Dunkelheit bestatten. Eine effiziente Gesundheitskontrolle ist so kaum möglich.

Wie der Pestausbruch von 1521 unter diesen Umständen ablief, was man gegen ihn unternahm, wie viele Tote am Ende zu beklagen waren – dazu schweigen die Quellen. Um den 6. Dezember herum verschwindet die Seuche – scheinbar so schnell, wie sie gekommen ist. Im Gegensatz zu Erkältungskrankheiten hat die Pest nämlich im Winter keine Saison. Allerdings wird sie wiederkommen: Schon 1526 verzeichnen die Quellen einen erneuten Ausbruch. Bis zum Ende des Jahrhunderts folgen noch sechs weitere.

 

Autorin: Dr. Ulrike Wendt-Sellin

* Ein Fleet ist ein schiffbarer Kanal in norddeutschen Küstenstädten und ein Siel ist ein verschließbarer Gewässerdurchlass in einem Deich.

« zurück zur Übersicht