Sonderausstellungen

01. Oktober 2020 bis 31. Oktober 2022
Luthers Sterbehaus | Lutherstadt Eisleben

Raus mit der Sprache!

Die Sprache Martin Luthers hat die Welt bewegt: Seine und unsere heutige Sprache werden in unserer Mitmachausstellung „Raus mit der Sprache!“ in Eisleben erfahrbar – experimentell, interaktiv und spielerisch!

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24. Juni 2022 bis 09. Juli 2023
Augusteum | Lutherstadt Wittenberg

Tatort 1522 – Das Escapespiel zur Lutherbibel

Zum 500-jährigen Jubiläum von Luthers Bibelübersetzung präsentieren wir eine Mitmachausstellung im Escape-Raum-Format. Die Ausstellung ist für Schulklassen sowie für Familien und Erwachsenen-Gruppen geeignet.

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Einbruch im Lutherhaus

31. Mai 2022
Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

„Für die Autographensammlung ist ein reizendes Stammbuch hinzugekommen …“

… informierte die Unterhaltungsbeilage zur Norddeutschen Allgemeinen Zeitung am 10. April 1913 ihre Leserinnen und Leser über den Ankauf des Stammbuchs von Valentin Winsheim durch die Staatliche Lutherhalle. Diese Meldung ist wieder aktuell, denn nachdem er seit 1976 als verloren galt, ist der kleine Band jetzt erneut zu unseren Sammlungen „hinzugekommen“. Wie es dazu kam, was ein Stammbuch überhaupt ist und warum man eigentlich von einem dritten Hinzukommen sprechen muss, davon berichtet der folgende Text aus unserer Reihe Abgestaubt.

 

Stammbücher

Nur 9,5 x 7 cm und 25 Seiten misst das zarte Büchlein, das Valentin Winsheim (1521–1571) anlegte (Abb. 1 und 2), ein Pfarrer und Sammler von Autografen aus dem Umfeld der Wittenberger Reformation. Stammbücher, auch Alba Amicorum oder später Freundschaftsbücher genannt, haben ihren Ursprung in Wittenberg. Studenten der Leucorea, der 1502 gegründeten Wittenberger Universität, baten ihre Lehrer um Widmungen in deren gedruckten Werken. Heiß begehrt waren vor allem Einträge von der Hand des großen Philipp Melanchthon (1497–1560), der viel Zeit aufbringen musste, um die Widmungswünsche seiner zahllosen Bewunderer zu erfüllen. Später führte man auf Reisen kleine Bücher mit Leerseiten mit sich und bat namhafte Bekannte, Kommilitonen oder Honoratioren besuchter Städte um einen Eintrag. Stammbücher mit ihren datierten und mit Ortsangaben versehenen Einträgen sind daher wichtige Quellen zu Gelehrtenbiografien und -netzwerken.

 

Valentin Winsheim

Von Valentin Winsheim ist nicht viel mehr bekannt, als dass er in Leipzig Theologie studierte und von 1557 bis 1571 Pfarrer im thüringischen Tennstedt war. Während dieser Zeit trug er 34 Einträge in griechischer, lateinischer und deutscher Sprache in seinem Stammbuch zusammen. Zwar sind die Orte vermerkt, an denen die Einträge vorgenommen wurden, doch bei welchen Gelegenheiten sich Winsheims Wege mit denen der Einträger kreuzten, liegt im Dunkeln. Der erste jener 34 Einträger ist zugleich der berühmteste: Philipp Melanchthon. Er zitiert den Kirchenvater Epiphanius (ca. 315–403) in griechischer Sprache und führt das Zitat erklärend auf Latein weiter (Abb. 3). Laut Melanchthon umreißt Epiphanius ein Kernstück reformatorischer Theologie: Der Bibeltext bedarf nicht der allegorischen Deutung, sondern der ursprüngliche Wortlaut muss durch Grammatik und logische Ordnung verstanden werden. Diesen Gedanken variierte er in den 1550er-Jahren häufig in Stammbuch-Einträgen. Auffällig sind die Gebrauchsspuren auf den von Melanchthon beschriebenen Seiten, offensichtlich wurde das Büchlein an dieser Stelle häufig aufgeschlagen. Kein Wunder, denn Valentin Winsheim wird sich mit Stolz an seine Begegnung mit dem Wittenberger Reformator erinnert und auch die späteren Besitzer werden den Melanchthon-Eintrag gerne studiert haben.

Weitere Prominente unter den Einträgern in Winsheims Stammbuch sind Justus Menius (1499–1558), der Reformator Thüringens, und der Humanist und Theologe Joachim Camerarius (1500–1574). Ungewöhnlich ist, dass sich auch eine Frau in dem kleinen Album verewigte: Lucretia von Berlepsch (1542–1611), geb. Schleinitz, Ehefrau des thüringischen Oberhauptmanns Erich Volkmar von Berlepsch. Von ihrer Hand stammt der zeitlich letzte Eintrag (Abb. 4).

In wessen Hände das Album nach dem Tod seines Eigentümers überging, ist unbekannt. Für fast 350 Jahre weiß man nichts über seinen Verbleib. Der Einband aus Halbpergament mit einem Überzug aus weinrotem Brokatpapier, den das Album in dieser Zeit erhielt, spricht allerdings dafür, dass es wertgeschätzt wurde. 1913 schließlich taucht das Büchlein wieder auf, es wird in der Frühjahrsauktion des Leipziger Antiquariats C. G. Boerner angeboten. Dort ersteigert es die Staatliche Lutherhalle in Wittenberg für 145 Mark.

 

Spurensuche im Inventarbuch

Um die Geschichte des Winsheim-Stammbuchs fortführen zu können, muss nun ein weiteres Buch herangezogen werden: das voluminöse erste Inventarbuch der Lutherhalle. Darin verzeichnet sind die Objekte der Staatlichen Lutherhalle seit ihrer Gründung 1883. In dieses Inventarbuch klebte Julius Jordan, Koservator der Lutherhalle von 1912 bis 1924, einen Ausschnitt aus dem Boerner’schen Auktionskatalog ein und ergänzte ihn mit handschriftlichen Anmerkungen. So vermerkte er am Rand rechts in schwarzer Tinte den Kaufpreis, links notierte er mit Bleistift, dass das Büchlein im Kleinen Hörsaal ausgelegt, also in der Dauerausstellung der Lutherhalle zu sehen war. Allerdings nicht lange, denn am 1. Januar 1919 wurde es gestohlen. „Einbruch! 1919“, vermerkte Jordan mit blauem Stift unten rechts (Abb. 5).

 

Tatort Lutherhaus

„Einbruch in das Luther-Museum in Wittenberg“, hieß es in der Morgenausgabe des Berliner Lokalanzeigers vom 3. Januar 1919. „Wie aus Wittenberg an der Elbe drahtlich gemeldet wird, sind dort Einbrecher in das Luther-Museum eingedrungen und haben darin arg gehaust.“ Bei diesem spektakulären nächtlichen Raubzug wurden rund 400 Münzen und Medaillen sowie etliche kostbare Bücher und Grafiken entwendet. Die Diebe, der Porträtmaler Kurt Kahle und sein Bruder Willy, konnten schon zwei Tage später in Berlin verhaftet werden, als sie versuchten, ihre Beute zu Geld zu machen. Ein misstrauischer Antiquitätenhändler informierte die Polizei, Julius Jordan eilte nach Berlin und die gestohlenen Kunstgegenstände, darunter auch das Winsheim-Stammbuch, wurden sichergestellt. Der finanzielle Schaden für die Lutherhalle war allerdings beträchtlich. Was aus dem Diebespaar wurde, ließ sich bisher nicht ermitteln. Nur nebenbei: Der Einbruch schärfte in der Lutherhalle den Sinn für Sicherheitssysteme. 1922 erfolgte der Einbau einer „elektrischen Sicherheitsanlage gemäß dem Vorschlage des Berliner Polizeipräsidiums in sämtlichen Ausstellungsräumen“.

Doch auch die nächste Notiz im Inventarbuch, fast 60 Jahre später von anderer Hand am Rand rechts mit Kugelschreiber ausgeführt, berichtet von einem Diebstahl, denn 1976 wurde das Winsheim-Album erneut aus der Dauerausstellung gestohlen. Seitdem galt das Stammbuch als verschollen. Erst 2002 tauchte es wieder auf, bei einer Auktion der Galerie Gerda Bassenge. Nicht wissend, dass es sich um Diebesgut handelte, erwarb es die Staatsbibliothek zu Berlin. Nach Abschluss einer entsprechenden Vereinbarung restituierte die Staatsbibliothek das Stammbuch im Herbst 2021 an die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt (ehemals Staatliche Lutherhalle). Dies war zugleich der Beginn eines gemeinsamen Digitalisierungsprojekts. Nach seinem dritten „Hinzukommen“ zu unserer Sammlung, schlummert Valentin Winsheims kleines Freundschaftsalbum im Depot, doch sicherlich wird es in einer der nächsten Ausstellungen der Stiftung Luthergedenkstätten zu sehen sein (Abb. 6). Und das altehrwürdige erste Inventarbuch bekommt einen weiteren handschriftlichen Eintrag.

 

Autorin: Anne-Kathrin Ziesak, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

 

Bilder

© Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt / Uwe Schulze

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