Luther und der Tintenfasswurf

Luther am Tisch, hiner ihm an der wand ein Tintenfelck
07. August 2020
Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Mirko Gutjahr, unser Wissenschaftlicher Mitarbeiter, hat sich wieder auf Spurensuche begeben: Dieses Mal hat er sich dem legendären Tintenfasswurf Luthers gewidmet. Wo genau hat Luther das Tintenfass eigentlich geworfen und warum? Und hat er es überhaupt geworfen oder war es nicht vielmehr der Teufel, der das Fass nach Luther warf? Was ist aus den sagenumwobenen Tintenflecken an den Wänden geworden - in Wittenberg, auf der Wartburg oder auf der Veste Coburg? Mirko Gutjahr hat genau hingeschaut und den Mythos "Tintenfleck" einmal durchleuchtet.

Luthers Tintenfass

Es ist bezeichnend, dass die berühmteste Legende um Luther heute in einer Leerstelle verortet ist. Wer auf der Wartburg nach dem sagenhaften Tintenklecks sucht, der von Luthers Wurf mit dem Tintenfass nach dem Teufel herrühren soll, dem weist man eine leere, vom Putz beraubte Wand neben dem Kachelofen in der Lutherstube. Unzählige Touristen der vergangenen Jahrhunderte sollen sich dort auf der Jagd nach einem Souvenir bedient haben. Auch schon zuvor hatte man den angeblichen Tintenfleck regelmäßig mit frischer Farbe erneuert. Diese „Auffrischungen“ wurden jedoch irgendwann eingestellt (in einem Reiseführer von 1829 ist bereits von der kahlen Wand die Rede), sei es, dass man einfach vor den rabiaten Souvenirjägern kapituliert hatte oder sei es, um der verpönten „Reliquienjagd“ Einhalt zu gebieten. Schließlich war ja auch Luther entschiedener Gegner des Reliquienkults der Heiligen gewesen, daher sollte es tunlichst schon gar keine protestantische Variante davon geben. Schnell war man daher auch mit der Erklärung bei der Hand, Luther habe ja gar nicht das Tintenfass geschleudert, sondern mit der auf der Wartburg erfolgten Übersetzung der Bibel ins Deutsche „den Teufel mit Tinte bekämpft“. So findet sich diese Aussage noch heute in zahlreichen Reiseführern, aber auch in der Fachliteratur, oft verbunden mit der Behauptung, es handle sich um ein direktes Lutherzitat.

Daran ist aber einiges problematisch: Denn zum einen findet sich dieses angebliche Zitat weder in den Tischreden noch in den Briefen oder Schriften Luthers. Zum anderen bezog sich die Sage zu Beginn nicht auf die Wartburg, sondern auf das Lutherhaus in Wittenberg. Und zu guter Letzt hat nach den ältesten Fassungen gar nicht Luther, sondern der Teufel das Tintenfass geworfen.

Doch der Reihe nach: Luthers Vorstellung von der Präsenz des Teufels in der Welt war durchaus handfest. Für ihn war der Leibhaftige tatsächlich körperlich anwesend, wenn auf der Wartburg ein Sack Nüsse raschelte oder ein schwarzer Hund auf seinem Bett lag (den er dann kurzerhand aus dem Fenster geworfen haben soll), es nachts auf dem Dach polterte oder ein Wildschwein seinen Garten in Wittenberg verwüstete. Probate Mittel zur Vertreibung des ungebetenen Gastes waren für Luther das Gebet, ein fröhliches Lied – oder ihn einfach zu ignorieren. So heißt es in einer Tischrede vom Sommer 1540, Luther habe sich einmal sehr erschreckt, als er lauten Lärm aus dem Ofen vernommen habe. Als er aber feststellte, dass der Teufel dahinterstecken müsse, sei er einfach unbeeindruckt ins Bett gegangen. Über einen Christenmenschen habe der Teufel keine Macht, daher hatte Luther nichts zu befürchten. Nach Auskunft einer anderen Tischrede von 1531 gab es aber auch noch weitere Abwehrmechanismen: Wenn die geistigen Mittel nicht ausreichten, „so weise man ihn flugs mit einem Furz ab“ – übrigens eine sehr archaische Methode der Dämonenabwehr, die sich auch schon in mittelalterlichen Erzählungen wiederfindet. Bei all den hilfreichen Mitteln fehlt jedoch eine Art der Dämonenvertreibung: Die Bekämpfung des Teufels mit Tinte erwähnt Luther an keiner Stelle. Am nächsten kommt dem noch eine Passage aus der Ratsherrenschrift von 1524, in der Luther in Bezug auf seine Übersetzung der Bibel auf der Wartburg bemerkte: „Der Teufel achtet meinen Geist nicht so sehr wie meine Sprache und Feder in der [Heiligen] Schrift“. Keine Wunder also, dass spätere Generationen den Tintenfasswurf gleich als Allegorie auffassten, die einfache Gemüter zu wörtlich genommen hätten.

Die zwei ältesten Erwähnungen des Tintenflecks auf der Wartburg datieren beide in das Jahr 1690 und stammen aus einer Länderbeschreibung Obersachsens (Martin Zeillers Topographia Superioris Saxoniae Thüringiae/Misniae Lusatiae) sowie einer im gleichen Jahr gedruckten Reisebeschreibung, die im Jahr 1672 auch auf die Wartburg geführt haben soll. Doch offensichtlich ist die Sage des Tintenkleckses mehrfach gewandert. Auch auf der Veste Coburg berichtete man im 17. Jahrhundert von einem solchen Fleck, der von Luthers Auseinandersetzung mit dem Teufel herrührte. Johann Gottfried Gregorii Melissantes schrieb 1715 in seinem „Neueröffneten Schauplatz Denckwürdiger Geschichte" von „(...) einem schwarzen Fleck, welchen Lutherus gemacht, als er hier das Dintenfass nach dem Teuffel, als er ihm erschienen und ihn beunruhigen wollte, geworffen."

Der Ursprung der Sage dürfte jedoch in Wittenberg liegen. Bereits 100 Jahre vor der Ersterwähnung des Flecks auf der Wartburg erzählte der Rostocker Jurist Johann Georg Gödelmann in seiner Abhandlung über „Zauberer, Hexen und Unholde“ aus dem Jahr 1591 von einer Geschichte, die er in seiner Studentenzeit in Wittenberg (1578/79) gehört habe. So sei der Teufel in Gestalt eines Mönches zu Luther gekommen, um ihn mit Fragen zu traktieren. Als der Reformator jedoch erkannte, dass der angebliche Geistliche anstelle von Händen Vogelklauen besaß, floh der Enttarnte und bewarf Luther mit einem Tintenfass: „…zornig und mit murren davon gieng / und das Dintenfaß hinter den Ofen warff / und einen starcken stinckenden Knall von sich gab / daß die Stube etl[i]che Tage übel darnach roche“. Den daraus resultierenden Tintenklecks an der Wand der Lutherstube bezeugte kurze Zeit später der englische Student Fynes Moryson, der auf seinen ausgedehnten Reisen quer durch Europa im Jahr 1591 auch Wittenberg besuchte. In seinem 1606 erschienenen Reisebericht schrieb er: „Die Wittenberger erzählen über Luther viele Dinge, die einem unglaublich anmuten. Unter anderem zeigen sie an der Wand des St. Augustin-Kollegs einen Fleck von Tinte, geworfen vom Teufel, als er Luther versuchte.“ Dass also nicht Luther, sondern der Teufel der Urheber des Tintenkleckses sei, bestätigt auch das Meisterlied des Hans Deisinger von 1602. Darin versuchte der Teufel, die Schrift Luthers durch Übergießen mit Tinte unleserlich zu machen. Als dies missglückte, warf er frustriert das Tintenfass auf Luther, verfehlte ihn aber und traf stattdessen die Wand. Wenn aber der Teufel zuerst warf, passt auch das Erklärungsmuster nicht mehr, das von einer Art volkstümlicher allegorischer Übersetzung von Luthers „Bekämpfung des Teufels mit Tinte“ als ursprünglicher Kern der Sage ausging. Sie reiht sich aber so viel besser in die mittelalterlichen Teufelssagen ein, die Zornesausbrüche des Höllenfürsten als Erklärung für merkwürdig geformte Felsformationen, „Fußabdrücke“, eindrucksvolle Bauwerke und vieles andere mehr anboten. Erst im Laufe des 17. Jahrhunderts wechselten die Protagonisten ihre Rollen und Luther warf stattdessen das Tintenfass. In dieser, offenbar stärkeren Variante der Geschichte wanderte nun auch die Sage auf die Coburg und auf die Wartburg.

Woher kommt diese Faszination für die Tinte und das Tintenfass Luthers? Warum nicht stattdessen etwa Luthers Schreibfeder? Tatsächlich spielt Luthers Feder bei der Darstellung des Reformators durchaus eine Rolle. Man denke beispielsweise an das Bild von „Der Traum Friedrichs des Weisen“ von 1617. In diesem satirischen Holzschnitt ist die Feder, mit der Luther seine Thesen an die Schlosskirchentür schreibt, so lang, dass sie zugleich dem Papst in Rom die Krone vom Kopf stößt. Aber während die Schreibfeder ein Verbrauchsartikel war, der durch ständige Abnutzung immer wieder durch frische Federn ersetzt werden musste, war das Tintenfass ein durchaus langjährig gebrauchter Gegenstand und wurde daher zu einem durchaus gesuchten Erinnerungsstück an den Reformator. Hieraus flossen schließlich Luther Worte, hierdurch wurden seine Gedanken zur für alle lesbaren Schrift, zur „sola scriptura“. Ähnlich einer Reliquie konnte man damit mit dem großen Reformator „in Berührung“ kommen.

Manche überzeugte Lutheraner brüsteten sich daher damit, das echte Tintenfass Luthers im Besitz zu haben – und ernteten dafür aber auch Spott. So berichtete der Historiker und Rechtsgelehrte Johann Peter von Ludewig (1668–1743) etwa, dass jemand ein angebliches Tintenfass Luthers für hundert Dukaten gekauft habe, „weil er sich eingebildet, daraus um so viel geistreicher zu schreiben“. Und auch der Theologe und Satiriker Johann Gottfried Zeidler (1655–1711) erzählte von einem Gelehrten, der in den Besitz des angeblichen Schreibkästchens Luthers gelangt sei, das dieser auf seiner letzten Reise nach Eisleben in Halle vergessen habe. Zeidler macht sich darüber lustig, dass er Nachbildungen davon herstellen und für teures Geld an leichtgläubige Theologen verkaufen werde. Dabei war der Gelehrte, über den er sich lustig machte, er selbst, denn er hatte das Kästchen im Jahr 1684 selbst erworben, das sich heute im Angermuseum in Erfurt befindet. Auch wenn er später offenbar seine Meinung zu dem Stück änderte und es in die Nähe von Fälschungen brachte, konnte im Zuge der Nationalen Sonderausstellung 2017 in Wittenberg bewiesen werden, dass das Kästchen wohl tatsächlich im Umfeld und in der Zeit Luthers entstand – es handelt sich demnach höchstwahrscheinlich wirklich um Luthers Schreibkästchen.

Zeidler war wohl auch im Besitz eines angeblichen Tintenfasses aus dem Besitz des Reformators, „dass er für viel Geld nicht von sich gab", wie ein Zeitgenosse berichtete. Ob es sich um das Exemplar handelte, das sich heute in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel befindet? Das dortige Gefäß ist zumindest ungewöhnlich: Es handelt sich um eine große hohle Bleikugel mit dreieckiger Öffnung. Der Boden wurde einmal mit einer Blei-Zinn-Mischung ausgebessert. Die Zuschreibung zu Luther ist allerdings fraglich (es steht nicht einmal fest, ob es sich wirklich um ein Tintenfass handelt), allerdings wird es zusammen mit zwei weiteren angeblichen „Lutherreliquien“ aufbewahrt, einem „Lutherlöffel“ und einem „Lutherglas“.

Eindeutig dem Lutherischen Haushalt zuzuordnen sind hingegen die Fragmente von Schreibsets, die im Jahr 2004 bei den Ausgrabungen im südlichen Gartenareal hinter Luthers Wohnhaus in Wittenberg gefunden wurden. Hier wurden auf runden Grundplatten aus gebranntem Ton mit grüner Glasur Gefäße und Tintenfässer aus demselben Material aufgebracht. Die Montierung auf den im Durchmesser ca. 25 cm großen Platten verhinderte das versehentliche Umstoßen der Tinte. Zudem gab es Ablagen für Federn, Federmessern und anderem Schreibmaterial. Derartige Schreibsets sind in ähnlicher Form aus Metall oder Holz bekannt. Die Ausführung in Keramik ist jedoch ungewöhnlich und wurde vielleicht für Luther spezialangefertigt. Er beschwerte sich nämlich mehrfach, dass Studenten ihn etlicher seiner Metallgegenstände beraubt hätten, die sie in der Stadt zu Geld machen würden, um damit Alkohol kaufen zu können. Demnach war Luthers Tintenfass offenbar schon zu seinen Lebzeiten heiß begehrt, wenn auch noch aus ganz anderen Gründen …

Und heute? An allen drei Orten gibt es keinen Hinweis mehr auf die angeblichen Kleckse. Dennoch ist die Sage gerade auf der Wartburg heute noch präsent, auch wenn die Tinte dort seit annähernd 200 Jahre nicht mehr erneuert wurde. Dabei war der Fleck in der Wittenberger Lutherstube sogar noch länger sichtbar – der vormalige Direktor der „Lutherhalle“ Julius Jordan (1912-1924) konnte ältere Wittenberger befragen, die den Tintenklecks in der Lutherstube noch selbst gesehen hatten. Vermutlich wurde er im Zuge der Restaurierungen des Lutherhauses 1883 zusammen mit den restlichen Kreideinschriften vormaliger Besucher entfernt. Doch auch schon zuvor stieß der Klecks bei einigen Besuchern auf Unglauben: 1706 zweifelten schwedische Generäle, die sich während des Nordischen Kriegs in Wittenberg aufhielten, an der Echtheit des Tintenflecks und fanden heraus, dass ein Universitätsangehöriger die Tinte gerade erneuert hatte. Und auch der russische Zar Peter I. habe (nach einem Bericht von 1775) anlässlich seines Besuchs der Lutherstube im Jahr 1712 (oder 1716) mit Kreide über den Fleck geschrieben. „Es kann sein, die Tinte ist aber neu“. Wenn auch der Fleck an keinem Lutherort mehr physisch vorhanden ist, behaupten viele Besucher der Wartburg bis heute steif und fest, ihn dort mit eigenen Augen gesehen zu haben. Mancher Mythos hält sich offenbar hartnäckiger als die Wirklichkeit. 

Bildnachweis: Lutz Ketzscher: „Kontroverse Luther - Müntzer oder der Teufel an der Wand“ (1974), Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

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