Luther, Eremitendasein und Homeoffice

Wolfgang Stuber, Luther als heiliger Hieronymus im Gehäus (2. Hälfte des 16. Jahrhunderts)
23. April 2020
Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Corona macht uns derzeit alle zu unfreiwilligen zeitweiligen Einsiedlern in unseren „Home Office“ genannten Klausen - soweit das jeweils möglich ist. Wie war das eigentlich bei Luther? Wieviel „Eremit“ steckte eigentlich in dem Augustiner-Eremiten-Mönch Luther? Mit diesen und weiteren höchst aktuellen Fragen beschäftigte sich unser wissenschaftlicher Mitarbeiter, Mirko Gutjahr.

Erfurt, 16. Juli 1505: Die Freunde sind in heller Aufregung. Ausgerechnet Martin, dieser lebenslustige Jura-Student, den seine Kommilitonen wegen seiner klugen Art und seiner schönen Singstimme schätzen, will jetzt ins Kloster gehen? Seinen überraschenden Rückzug aus der Welt begehen seine Freunde am Vorabend des Abschiedes mit ihm wie eine Beerdigung. Aber auch durch gutes Zureden lässt er sich nicht umstimmen. „Heut seht ihr mich und nimmermehr“, verkündet er den Freunden, die ihn zum Tor des Erfurter Klosters begleiten. Er ist nun der Welt „abgestorben“, wird Augustiner-Eremit und tritt damit dem strengsten Orden in Erfurt bei. Ein spontan abgelegtes Gelübde ist der Grund, nachdem er kurz vor Erfurt beim Dörfchen Stotternheim in ein schweres Gewitter geraten war.  

Spätere (insbesondere katholische) Biographen wollten jedoch diesen Vorfall nicht als alleinigen Grund für die Abkehr von der Welt akzeptieren, sondern glaubten, es müsse noch einen anderen, dunkleren Grund geben.  Er habe womöglich einen Freund namens Alexius beim Duell getötet und sei durch sein schlechtes Gewissen ins Kloster getrieben worden. Diesen Freund – in manchen Erzählungen erscheint er auch als beim Stotternheimer Gewittererlebnis als vom Blitz erschlagener Gefährte Luthers – hat es mit großer Gewissheit nie gegeben. Mit größter Sicherheit leitet sich der kolportierte Name des „Freundes Alexius“ vom Tagesheiligen des Datums ab, das Luther für den Eintritt ins Kloster wählt, der 17. Juli 1505.  Noch Jahre später betont er in den Tischgesprächen den Alexiustag als Eintrittsdatum. Es ist gut möglich, dass Luther diesen Tag sehr bewusst gewählt hat. Der Heilige Alexius ist nach einer Legende des 11. Jhs. ein reicher römischer Bürgersohn, der die Eltern und seine gerade angetraute Braut nach einer Berufung durch Gott verlässt, um in Edessa als Einsiedler und Bettler zu leben. Dort wird er jedoch nach 17 Jahren gegen seinen Wunsch als heiliger Mann verehrt, weswegen er wieder nach Rom flieht, um dort unerkannt weitere 17 Jahre unter der Treppe seines Elternhauses zu leben. Das ähnelt Luthers eigenem Lebensweg: Gemäß seines Briefes, den er 1521 an den eigenen Vater Hans Luder schrieb, war für Luther von diesem bereits eine „reiche und ehrenvolle Heirat“ in Mansfeld geplant gewesen, welcher der Sohn durch den eigenmächtigen Eintritt ins Kloster entging, um nun selbst seiner göttlichen Berufung zu folgen. Bezeichnenderweise wird Alexius auch als Schutzpatron gegen Blitzschlag und Unwetter angerufen.

Mit einem regelrechten Einsiedlerdasein hatte das Klosterleben für Luther allerdings nur wenig gemein: Der Augustiner-Eremitenorden, dem Luther nun angehörte, war zwar in seiner Gründungsphase im 13. Jh. tatsächlich noch ein Zusammenschluss mehrerer italienischer Eremiten-Gruppen gewesen, aber schon bald nach der Gründung verlor der Orden seinen Einsiedler-Charakter. Die Mönche zogen eben nicht in den ländlichen Raum, in die „Wüstenei“, wie die ursprüngliche griechische Wortbedeutung des Eremiten suggeriert, sondern siedelten sich in den Städten an, wo sie sich vor allem der Predigt und Bildungsvermittlung widmeten. Mit einem zurückgezogenen, kontemplativen Leben hatte das wenig zu tun. Dennoch, mit den anderen klösterlichen Gemeinschaften in Europa verbanden den Orden die grundsätzlichen Gemeinsamkeiten, die vor allem in der generellen Abkehr von weltlichen Dingen (conservatio morum), dem Verbleib im Kloster (stabilitas loci) sowie in der den Mönchen angemessenen Demut (humilitas) bestanden.

Die ersten beiden Punkte bereiteten Luther nach seinen eigenen Angaben weniger Probleme: Er gehörte sogar einer Richtung innerhalb des Ordens an, die etwa auch in punkto Askese eine strengere Auslegung der Ordensregeln forderten und keine Ausnahmen etwa für kranke und alte Ordensbrüder bei den Speisemengen in den Fastenzeiten zulassen wollten. Noch im Sommer 1517 wurde Luther in seiner Eigenschaft als Distriktvikar – zuständig für elf Klöster des Ordens – in der Angelegenheit eines Mönches hinzugezogen, der aus seinem Kloster weggelaufen war. Luther sprach sich für strenge disziplinarische Maßnahmen aus. Anders sah es bei ihm hinsichtlich der dritten klösterlichen Forderung, der Demut und des damit verbundenen Gehorsams gegenüber Vorgesetzten und Ordensvorschriften aus. Zwar unterwarf sich Luther beispielsweise dem Wunsch seines Ordensoberen Staupitz, der ihn gegen seinen Willen von Erfurt an die Universität Wittenberg versetzte. In Anbetracht seiner mehrfachen Arbeitslast als Hochschullehrer, Prediger in der Stadtkirche und Klosterverwalter hatte er jedoch versucht, das strenge Gerüst der vorgeschriebenen stündlichen Gebetsleistungen zumindest für die Wochentage zu umgehen. Dafür wollte er die Gebete an den Wochenenden nachholen. Eine entsprechend beantragte Ausnahmeregelung wurde ihm allerdings nicht gewährt. Es ist daher bezeichnend, dass Luther später in den Tischreden betont, dass ihm die göttliche Inspiration in der relativen Einsamkeit des „stüblin“, seines Arbeitszimmers im Südturm des damals nur teilweise fertiggestellten und mit zeitweise 40 dort lebenden Brüdern sehr dichtgedrängten Klosters, gekommen sei. Manche Fassungen sprechen sogar von der Latrine, auf der er dabei gesessen haben soll.

Zwar schaute Luther später als Reformator mit sehr gemischten Gefühlen auf seine Zeit als Mönch zurück, aber interessanterweise gibt es einige Aspekte des monastischen Lebens, an denen er weiter festhielt. So verbrachte er einen Großteil des Morgens zurückgezogen im Gebet, angeblich täglich bis zu vier Stunden. Auch der Alltag im Lutherhaus mit seinen zahlreichen Bewohnern wie den Familienangehörigen, Studenten, Hausgästen und dem Gesinde ähnelte in manchen Punkten dem vorigen klösterlichen strukturierten Tagesablauf, etwa die gemeinsamen Essenszeiten. Und auch weiterhin schätzte Luther von Zeit zu Zeit die fast schon einsiedlerische Zurückgezogenheit seines Arbeitszimmers. Einmal sei er drei Tage lang verschollen gewesen bis man ihn schließlich, in die Arbeit vertieft, in seiner Turmstube verbarrikadiert wiederfand. Der Kupferstecher Wolfgang Stubner porträtierte Martin Luther nach dessen Tod daher sehr treffend als Einsiedler in seiner Schreibstube, nach einer Vorlage von Albrecht Dürer, die eigentlich den heiligen Hieronymus zeigte.

Dennoch: Zu viel Einsamkeit hielt Luther dann auch nicht aus. Als er 1521 bis 1522 auf der Wartburg für 10 Monate ein unfreiwilliges „social distancing“ durchlebte (vergleiche den Beitrag von Tina Bode), haderte er mit der Isolation, die er nur halb scherzhaft als „Wüstenei“ bezeichnete. Er schrieb, er befinde sich wie einst der Evangelist Johannes zurückgezogen „auf der Insel Patmos“ oder „im Reich der Vögel“ – also nicht im Reich der Menschen. Schließlich hielt er es im Dezember 1521 nicht mehr aus und durchbrach die selbstgewählte Isolation, um für einige Tage inkognito nach Wittenberg zu reisen. Als er dann schließlich die Sicherheit der Wartburg (gegen den Rat seiner Freunde und seines Fürsten) im Februar 1522 endgültig verließ, führte der erste Weg des mit üppigem Bartwuchs und vollem Haar fast schon nicht wiederzuerkennenden Mönchs übrigens gleich zu Beginn zum Wittenberger Friseur: Erst mit frischer Tonsur und glatten Wangen war er wieder er selbst, Luther.

 

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