Luther und Faust

Luther und Faust
26. Juni 2020
Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Unser wissenschaftlicher Mitarbeiter, Mirko Gutjahr, hat sich mal wieder intensiv mit einem Thema beschäftigt. Dieses Mal stehen "Luther und Faust" im Fokus.

In Krisenzeiten gibt es die Tendenz, sich vermehrt solchen Menschen zuzuwenden, die einfache Antworten und Wunderkuren versprechen. Das unterscheidet die aktuelle Pandemiesituation nur wenig vom 16. Jahrhundert. Auch damals versprachen Quacksalber, Wunderdoktoren und Scharlatane, die Probleme der Bevölkerung im Handstreich lösen zu können. Einer dieser Gestalten hat sich besonders ins kollektive Gedächtnis eingebrannt: Faust.

Der unbekannte Faust

Wer als Auswärtiger durch Wittenberg geht, dem fallen meist nur die Bezüge zu Luther und Melanchthon auf, trotz der zahlreichen anderen Denkmäler und Hinweisschilder. Die meisten Touristen werden auch an dem kleinen Haus in der Collegienstraße 31 vorbeigehen und die dortige Plakette übersehen, die auf die Anwesenheit von „Johann Faust, um 1480 - um 1540, Astrologe und Alchemist, soll zwischen 1525 und 1532 hier gelebt haben“ hinweist.

Übrigens ist davon das meiste unbelegt: Weder die Lebensdaten noch seine Anwesenheit in Wittenberg, ja noch nicht mal der genaue Name von Faust sind sicher nachweisbar – und das besagte Haus in der Collegienstraße 31 hat mit ganz großer Sicherheit nichts mit Faust zu tun.

Längst ist Faust durch die Literatur (Marlowe und Goethe lassen grüßen) zur Sagengestalt geworden, die die eigentliche Person Faust nahezu völlig verdeckt hat. Die Quellen zum historischen Faust sind indes rar. Insgesamt gibt es nur neun zeitgenössische Schriftquellen, die überhaupt von Faust erzählen. Etliche davon sind umstritten. Doch bei aller angebrachten methodischen Vorsicht bei Aussagen über den historischen Faust, der weit weniger als greifbare und belegbare Person denn als wandelbares Phantom auftaucht: Die erhaltenen Quellen zeigen, dass es im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts einen Mann gegeben haben muss, der unter dem Namen „Faustus“ unter anderem als Astrologe und Wahrsager durch die Lande zog und so große Aufmerksamkeit erregte, dass über ihn die spektakulärsten Dinge berichtet wurden. Bereits zu Lebzeiten nimmt die echte Person des Dr. Faust nur schemenhafte Züge an - ideal für die spätere Anheftung sagenhafter Motive an seine Person.

Faust in Wittenberg?

Ein besonders spannender Aspekt ist die Verbindung von Faust mit der Stadt Wittenberg und ihren beiden großen Reformatoren: So überliefert Melanchthons Schüler Manlius 1563 eine Erzählung von Philipp Melanchthon, die dieser 1530 oder 1537 zum Besten gegeben haben soll:

„Ich hab einen gekennet / mit nammen Faustus von Kundling (ist ein kleines stettlein / nicht weit von meinem Vatterland) derselbige da er zu Crockaw in die Schul gieng / da hatte er die Zauberey gelernet / wie man sie dann vor zeiten an dem ort sehr gebraucht / auch öffentlich solche kunst geleeret hat. Er gieng hin und wider allenthalben / und sagte viel verborgene ding. Derselbige Faustus ist zu Wittenberg entrunnen / als der fromme und löbliche Fürst Hertzog Johannes hette befehl getan / das man jn fangen sollte. ….“

(Manlius, Locorum communium collectanea, deutsche Version von 1566, 42–44)

 

Auch Martin Luther erwähnt Faust in seinen Reden bei Tisch, nach 1530 bzw. im Juni / Juli 1537:

„Da uber Tisch zu abends eines Schwartzkünstlers Faustus genant gedacht ward, saget Doctor Martinus ernstlich, der Teufel gebraucht der zeuberer dienst wider mich nicht, hette er mir gekont und vermocht schaden zu thun, er hette es lange gethan. Er hat mich wol offtmals schon bey dem kopff gehabt, aber er hat mich dennoch mussen gehen lassen. Multa dicebant de Fausto, welcher den Teufel seynen schwoger hies, und hat sich lassen horen, wen ich, Martin Luther, ihm nur die handt gereycht hette, wolt er mich vorterbet haben; aber ich wolde in nicht geschawet haben.“

(Lauterbach 1530/1537 (?), zitiert nach Kroker, Tischreden 1903, 422).

 

Die beiden Überlieferungen kann man mit gebotener Vorsicht dahingehend interpretieren, dass es zu einem Treffen Fausts mit seinem Landsmann Melanchthon gekommen ist. Ein möglicherweise von Faust zum gleichen Zeitpunkt beabsichtigtes Treffen mit Luther hingegen wurde seitens Luthers klar abgelehnt. Sollten die Überlieferungen der Melanchthon- bzw. Lutherschüler zutreffen, so war Faust irgendwann in der Regierungszeit Johanns des Beständigen (1525–1532) in Wittenberg, wurde dann aber – wie übrigens auch andernorts – aus der Stadt gejagt.

Starb Faust bei Wittenberg?

Melanchthon berichtete zudem vom Ende des Faust:

„Vor wenig jaren ist derselbige Johannes Faustus / den tag vor seinem letzten ende / in einem Dorff in Wirtenberger landt gantz trawrig gesessen. Der Wirt fragt jn / Wie es keme / das er doch sonsten nicht pflegte (…) Da hat er zum Wirt gesagt: So er etwas in der nacht hören würde solt er nicht erschrecken. Vmb Mitternacht ist im Hause ein grosses getümmel worden. Des morgens wolte der Fausti nicht auffstehen. Vnd als es schier auff den Mittag kam / hat der Wirt etliche Menner zu jm genommen / vnd ist inn die Schlaffkammern gangen / darinn er gelegen ist / da ist er neben dem Bette todt gelegen gefunden / vnd hatte jm der teuffel dz angesicht auff den Rücken gedrehet …“

(Manlius, Locorum communium collectanea, deutsche Version von 1566, 88-90)

1564-1566 wird die „Zimmerische Chronik“ niedergeschrieben. Die Verfasser sind die Grafen Froben Christian und Wilhelm Werner von Zimmern sowie der Sekretär Johannes Müller. Hier wird als Sterbeort Fausts der Ort Staufen im Breisgau angegeben, er sei zur Zeit des Regensburger Reichstags von 1541 ums Leben gekommen.

Oftmals werden diese beiden Angaben zusammengenommen, aus Staufen im badischen (!) Breisgau wird dann ein württembergisches Dorf. Was, wenn jetzt aber gar nicht ein Dorf im „Württemberger Land“ (das geographisch ohnehin nur schwierig mit Staufen zusammenzubringen ist), sondern durch einen kleinen Schreibfehler das „Wittenberger Land“ gemeint ist?

Denn es gibt auch weitere Quellen, die den Tod Fausts in der Nähe Wittenbergs verorten: So berichtet die „Historia von Dr. Fausten“, eine Sammlung von Faustsagen aus dem Jahr 1587, dass Faust im „Dorf Riemlich bei Wittenberg“ umgekommen sei. Auch hier war es der Pakt mit dem Teufel, der schließlich abgelaufen und die Seele Faustens vom Teufel eingefordert worden sei. Die Wände seien blutbespritzt gewesen, der Leichnam sei auf dem Mist gefunden worden. Später wurde das Dorf Riemlich, für das es ansonsten keinerlei Beleg gibt, mit Pratau gleichgesetzt. Dort sei Faust 1557 umgekommen. Der Ursprung der Verbindung Prataus mit der Sage liegt vermutlich im Dreißigjährigen Krieg, als man im Gasthaus zum Freischütz den Soldaten ein mit Blut verschmiertes Zimmer gezeigt habe, in dem Faust sein unrühmliches Ende gefunden habe – ein Trick, um sie von der Einquartierung von Truppen im Gasthof abzuhalten.

Übrigens beantwortet das Faustbuch, das sich als Best- und Longseller erweisen sollte, scheinbar auch die Frage, wo Faust in Wittenberg gewohnt habe: Er habe ein Haus „neben des Gansers und Veit Rodingers Haus“ besessen, am „Eysern Thor in der Scharrengasse“, das er seinem Famulus hinterlassen habe. Nun ist die „Historia von Dr. Johann Fausten“ ein Sammelsurium diverser Sagenstoffe, die erst nachträglich mit der Figur des historischen Faust verbunden wurden, sodass man sehr vorsichtig mit den dortigen Angaben sein muss. Ein „Eysern Thor“ hat es in Wittenberg nicht gegeben, auch saßen keine Gansers oder Rodingers in der Scharrengasse (dem Sträßchen neben dem Zeughaus am Arsenalplatz). Allerdings könnte es sich statt um ein Eysern (eisernes) auch um das Elstertor gehandelt haben, das die Stadt nach Osten neben dem Augustinerkloster abschloss.

Von einem Haus, das Faust gehört habe soll, berichtet auch eine von der „Historia“ unabhängige Quelle, die um 1587/88 niedergeschrieben wurde. Anfang der 1580er Jahre reiste ein englischer Student namens Fynes Morrison durch Deutschland und besuchte einen Sommer lang auch Wittenberg. Dabei zeigte man ihm das Haus in dem Faust „um 1500“ gelebt haben soll – in der Nähe des Augustinerklosters - und er konnte in einem Wald vor Wittenberg einen Baum bewundern, den Faust gesprengt und verbrannt habe. Offenbar interessierte er sich sehr für das Thema, denn ihm wurde berichtet, dass Faust in einem Dorf nahe Wittenberg gestorben wäre bzw. vom Teufel geholt worden sei, er habe aber bei seinen Nachforschungen in den Dörfern keine Belege dafür gefunden. Übrigens – interessant für uns – wurde ihm auch ein Tintenfleck an der Wand im Lutherhaus gezeigt, den der Teufel erzeugt habe, als er ein Tintenfass nach Luther geworfen habe (nicht umgekehrt!) – der älteste Beleg für den Tintenklecks, denn der in der Wartburg wird erst im 17. Jahrhundert erwähnt.

Fynes kehrte nach England zurück und schrieb seine Memoiren, bevor eine englische Übersetzung der “Historia von Dr. Fausten“ erschienen war. Die Geschichte mit dem Baum, die in der „Historia“ nicht erwähnt wird, spricht dafür, dass es in Wittenberg bereits vor der „Historia“ eine eigenständige Tradition des Fauststoffs gab.

Des Pudels Kern?

Und noch ein Grund schien für die Anwesenheit eines Schwarzkünstlers Faust in Wittenberg sprechen: Die Entdeckung eines reich ausgestatteten alchemistischen Labors wies zunächst in die Zeit zwischen 1520 und 1540 -  an sich schon eine Sensation und ein wichtiger, bislang fehlender Sachbeleg der geistigen und experimentellen Prozesse der Frührenaissance. Das Wittenberger alchemistische Labor gehört zu den bedeutendsten archäologischen Fundkomplexen der Frühen Neuzeit und ist ein Kronzeuge der europäischen Geistes- und Wissenschaftsgeschichte.

Dabei verlief die Entdeckungsgeschichte zunächst unspektakulär: Bei archäologischen Ausgrabungen im Franziskanerkloster Wittenberg wurden 2007/2008 mehrere Abfallgruben aus dem 16. Jahrhundert dokumentiert und geborgen. Eine Grube, die sich unterhalb eines ehemaligen Treppenverschlages des damals schon aufgegebenen, säkularisierten Klosters befand, enthielt neben Resten scheinbar gewöhnlicher Alltagskeramik eine Unmenge zerscherbter Glasfragmente. Der Inhalt der Grube wurde Ende 2012 in die Restaurierungswerkstatt des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt zur Begutachtung eingeliefert. Erst hier fiel auf, dass die Glasscherben nicht zum üblichen Siedlungsinventar gehörten. Die Scherben trugen Anhaftungen von Reagenzien, vorzugsweise Antimon- und Quecksilberverbindungen, die weder gewöhnlichen Haushalten noch herkömmlichen metallurgischen Prozessen zuzuordnen waren.

2013 wurden die Scherben mit erheblichem Aufwand und in mühevoller Kleinstarbeit zusammengesetzt und in Zusammenarbeit mit dem Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt erste Untersuchungen an den Inhaltsstoffen und Anhaftungen der Gefäße durchgeführt. Mit den Restaurierungsarbeiten und Untersuchungen erschloss sich ein ausgesprochen reichhaltiges Inventar einer alchemistischen Werkstatt; die Anhaftungen von Chemikalien gewährten einen tiefen Einblick in die alchemistischen Prozesse dieser Werkstatt.

Könnte dies die Werkstatt von Dr. Faustus gewesen sein? Zudem sich unter all den Gerätschaften ausgerechnet auch noch ein Tongefäß befand, das ebenfalls aus der Abfallgrube stammt und in dem die Reste eines Hundes niedergelegt wurden. Dabei handelt es sich nach einer ersten archäozoologischen Bestimmung durch Dr. Hans-Jürgen Döhle vom Landesdenkmalamt Sachsen-Anhalt um einen ausgewachsenen Rüden einer auffallend kleinen Rasse, die jedoch nicht näher bestimmbar ist.

Ein überwiegender Teil der Gefäße enthält außerdem zum Teil auch noch Reste der zuletzt darin befindlichen Inhaltsstoffe, darunter die „alchemistischen Klassiker“ Zinnober, Quecksilber und  Schwefelsäure. Den überwiegenden Anteil der Anhaftungen und Inhaltsstoffe nehmen aber Verbindungen des Elementes Antimon ein. Schon damit wird der Fund von Wittenberg zu einem zentralen Fund nicht nur der Geschichte der Alchemie, sondern auch der sogenannten „spagyrischen Medizin“, in der Antimon zu Heilzwecken verwendet wurde.

Antimonsulfid (Grauspießglanz) diente in der Metallurgie, aber auch in der Alchemie des 16. Jahrhunderts der Reinigung von Gold. Im Befund von Wittenberg ist das Antimonsulfid sowohl als faustgroßes Stück Roherz erhalten, als auch als sogenannter „Schmelzkuchen“ (Ergebnis des Schmelzvorgangs). Zudem fand es sich in den Schlacken fast aller Tiegel wie auch an den Glasgeräten. Die Reinigung von Gold erfolgte einst, indem man verunreinigtes Gold mit Antimonsulfid zusammenschmolz und den daraus erhaltenen Regulus („kleiner König“, ein kleines Metallkügelchen) einem heißen Feuer aussetzte. Zurück blieb reines Gold. Dieser „magische“ Prozess hat Alchemisten des 16. Jahrhunderts stark fasziniert.

Schon die Unzahl von Glasgeräten mit Antimonanhaftungen in dem Wittenberger Werkstattfund weist darauf hin, dass der Betreiber der Werkstatt nicht nur von schlichter Goldmacherei beseelt war, sondern auch danach trachtete, alchemistisch Medikamente und Wundermittel herzustellen, mithin auch medizinisch tätig war. Hatte man hier etwa die Alchemistenküche Fausts entdeckt?

Doch ließ sich die frühe Datierung nicht aufrechterhalten: Ausgerechnet ein einzelnes Glasfragment war zu jung und datierte so den ganzen Fundkomplex in das Ende des 16. Jahrhunderts. Damit wurde zwar der Fund nicht weniger spannend, aber mit Faust hat er nicht mehr direkt zu tun. Er scheint auch weniger zum Goldmacher und Alchemisten Faust zu passen, als zu der Ende des 16. Jahrhunderts florierenden medizinischen Fakultät der Wittenberger Universität.

Die etwa zeitgleich mit dem Betrieb der Alchemistenwerkstatt erschienene „Historia von Dr. Fausten“ vermischte nun endgültig den historischen Faust mit sagenhaften Zaubergeschichten. Die Erzählung wird vor allem in Wittenberg angesiedelt, auch wenn die reale Stadt darin kaum eine Rolle spielt – der Autor schien die Topographie der Stadt nicht wirklich zu kennen. Laut „Historia“ wächst Faust behütet auf, erhält eine solide Ausbildung und studiert in Wittenberg, wird aber von einer unchristlichen Anwandlung gepackt und versucht im nahegelegenen Spesser Wald (vielleicht eine Anspielung auf den Spessart?) den Teufel zu beschwören. Bei einer zweiten Beschwörung in Fausts Wohnung unterschreibt er einen Pakt mit dem Teufel, der ihm 24 Jahre treu dienen will, wenn er Gott abschwört. Danach soll der Teufel Fausts Seele bekommen. Vom Teufel wird ihm ein Geist namens „Mephostophiles“ an die Seite gestellt. Über Fausts Tod im „Riemlich nahe Wittenberg“ nach Ablauf der 24 Jahre war ja eben schon die Rede.

Ein protestantischer Faust?  

Interessanterweise waren die Wittenberger nicht wirklich begeistert davon, dass die „Historia“ Faust in Wittenberg ansiedelte, da schon früh die antilutherische Polemik mit der Faustsage verbunden wurde. Der lutherische Mathematiker Hermann Witekind (der sich das Pseudonym Augustin Lerchheimer gab) verwahrte sich daher 1597 auch dagegen, die Darstellung des Buches sei „böslich und bübelich erdichtet und erlogen“. Aber auch er gibt zu, dass Faust in Wittenberg gewesen sei, aber nur kurzzeitig; er sei geflohen, als man ihn festnehmen wollte (das dürfte auf Melanchthons Bericht zurückgehen). Fast hundert Jahr später widersprach auch der Wittenberger Theologe Johann Georg Neumann der Darstellung, Faust habe lange in Wittenberg gelebt. Dafür hatte er sogar im Ratsarchiv recherchiert, aber keine Belege gefunden.

Für viele spätere Faustforscher stand und steht fest, dass der Verfasser der „Historia“ ein reformatorisch gesinnter Autor gewesen sein musste: Ausgerechnet in Wittenberg, der Stadt der Reformation, fällt Faust vom Glauben ab, sein späteres lasterhaftes Leben und seine Verdammnis am Lebensende musste daher als Konsequenz dieser Tat erscheinen.

Faust = Luther?

Es gibt aber auch die inzwischen schon über ein Jahrhundert alte Theorie, dass es andersherum sein könnte: Vielleicht ist ja der Faust der „Historia“ in Wahrheit Martin Luther selbst?

Tatsächlich gibt es Elemente, die diese These stützen könnten: So ist auffällig, dass fast das gesamte Leben Fausts nach Wittenberg verlegt wurde, was sich nicht komplett von der historischen Gestalt ableiten lässt. Auch sind durchaus Parallelen zu Luther erkennbar: Schon der Reformator wurde als Teufelbündner, ausschweifender Trunkenbold und Frauenheld verleumdet, hinter dem Namen Mephistopheles könnte sich der der Astrologie tatsächlich zugeneigte Melanchthon verbergen. Auch Luther hatte man - schon zu Lebzeiten - nachgesagt, er sei vom Teufel geholt worden. Interessant auch die Daten im Faustbuch: Faust habe 1521 den Pakt mit dem Teufel geschlossen und 1525 diverse Städte und Orte heimgesucht – auch bei Luthers Biographie spielen die Jahre wichtige Rollen: 1521 der Reichstag zu Worms und der Wartburgaufenthalt, 1525 Bauernkrieg und Heirat mit Katharina. Zwischen Luther Rückkehr nach Wittenberg 1522 und seinem Tod 1546 liegen ebenfalls 24 Jahre, genau die Zeit, die Fausts Teufelspakt gedauert haben soll.

Aber damit erschöpft sich schon dieser Vergleich. Man muss auch in Betracht ziehen, dass es diverse Fassungen der „Historia“ gibt. Der sogenannte B-Druck (die wenig später erschienene zweite Auflage) nahm scharfe antikatholische Passagen heraus, etwa Fausts Besuche in Rom und Köln – offenbar erschien es einem vermutlich katholischen Drucker in Köln noch zu protestantisch. In einer dritten Fassung („C“) verunklart der Autor die konfessionellen Grenzen noch mehr und fügt einen Mönch namens „D. Klinge“ ein, der nach einem vorher schon enthaltenen Bekehrungsversuch eines frommen alten Mannes noch einen weiteren Bekehrungsversuch des Mönches in Erfurt einfügt – die beide scheitern. Dies lässt sich so interpretieren, dass Faust von beiden konfessionellen Seiten, der protestantischen und der katholischen, verloren gegeben wird. Interessanterweise ist der Mönch nicht als krasser „Protestantenfresser“ gekennzeichnet, sondern sei „mit den Reformatoren D. Luthern und D. Langen bekannt“ – der Bearbeiter der „Historia“-C glaubte demnach offenbar, zwar noch einen katholischen Überzeugungsversuch Fausts nachträglich einschieben zu müssen, aber auch wieder nicht so stark, dass er eine mögliche protestantische Leserschaft abschrecken könnte. Und hier stoßen wir wohl auf des Pudels Kern: Der Kampf um die richtige Konfession ist wohl Ende des 16. Jahrhunderts nicht mehr so wichtig wie die potenzielle Kundschaft des Faustbuches. Man wollte mit dem Stoff in erster Linie unterhalten – und Geld verdienen. So wie auch die Scharlatane und Wahrsager, die wie Faust durch die Lande zogen. Vor derartigen Betrügern, die den Menschen (damals wie heute) das Geld aus der Tasche ziehen wollen, warnte daher schon Luther:

„Hüte Dich für der Alchemisten Süpple/ Und für der der Juristen Codice/ Für der Medicorum Recipe/ Für der Pfaffen „praesta quesumus domine“/ Willst Du mit einem vollen Beutel zum Markt gehen.“

Martin Luther, Tischreden Band 6, 364,12–18 Nr. 7061. 

 

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