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20. August 2021 bis 20. Februar 2022
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Luther verbrennt die Bannandrohungsbulle

10. Dezember 2020

Die Leiterin unserer Museen in Wittenberg, Dr. Ruth Slenczka, widmet sich in dieser spannenden Betrachtung zum 500. Jubiläum zwei wahrscheinlich weniger bekannten Erkenntnissen:

Am 10. Dezember 1520, vor 500 Jahren, verbrannte Luther die Bannandrohungsbulle auf dem Schindanger bei der Heiliggeistkapelle vor dem Elstertor in Wittenberg, unweit des Lutherhauses. Das Datum war bewusst gewählt, denn am Tag zuvor war die 60-tägige Frist abgelaufen, innerhalb derer Luther seine Schriften hätte widerrufen können. Der Bruch mit dem Papsttum war damit unumkehrbar. Von nun an galten der Reformator sowie seine Anhänger und Beschützer an der römischen Kurie als „notorische und hartnäckige Ketzer“. Luthers Bücher sollten verbrannt und die Erinnerung an ihn und seine Thesen ausgelöscht werden, niemand sollte mehr Gemeinschaft mit ihm haben. Doch nicht nur ihm selbst, sondern auch seinen Anhängern drohte Gefangenschaft, Auslieferung nach Rom und Feuertod. Über Städte, Länder, Klöster und Kirchen, die den Ketzer aufnahmen, wurde das Interdikt verhängt, das Verbot aller Gottesdienste und gottesdienstlichen Handlungen.

Luther hat nicht widerrufen und dies bereits im Vorfeld in deutschen und lateinischen Schriften jedermann kundgetan. Mit der Verbrennung der Bulle ging er noch einen Schritt darüber hinaus: Er erklärte seinerseits den Papst öffentlich zum Ketzer, nämlich zum Feind des Evangeliums und zum Antichrist.

Über den Ablauf der Ereignisse sind wir durch verschiedene Berichte von Augenzeugen und Zeitgenossen gut informiert. Sie schildern und deuten rückblickend, was sich vor dem Elstertor und in der Stadt am 10.12.1520 zugetragen hat. Neben diesen Berichten gibt es jedoch auch zwei unmittelbare Überreste der Aktion, die ich im Folgenden näher vorstellen möchte. Auch wenn beide nicht im Original überliefert sind, führen sie viel unmittelbarer als die nachträglichen Berichte mitten in die Geschehnisse des Tages hinein: Während der Anschlag Philipp Melanchthons zur Teilnahme an der ersten Verbrennung aufrief, steht die Trompete für den Aufruf zur zweiten Verbrennungsaktion am Nachmittag. Und während sich Melanchthons Anschlag in akademischem Format an Studenten wendete, wandten sich die Studenten mit der Trompete an die Wittenberger Bürger.
 

1. Melanchthons Anschlag und die erste Verbrennungsaktion

Schon lange ist bekannt, dass Melanchthon die Studenten durch eine lateinische Bekanntmachung über die bevorstehenden Ereignisse informierte und sie dazu aufforderte, sich an dem „frommen und gottesfürchtigen Schauspiel“ der Verbrennung des kanonischen Rechts und scholastischer Lehrbücher zu beteiligen:

„Wer immer Du bist, der Du am Studium der evangelischen Wahrheit teilhast, sei mit dabei um 9 Uhr vormittags an der Kirche des Heiligen Kreuzes vor den Mauern unserer Stadt, wo nach altem und auch apostolischem Herkommen die gottlosen Bücher der päpstlichen Gesetze und der scholastischen Theologie verbrannt werden sollen, da nämlich die Dreistigkeit der Feinde des Evangeliums so weit gegangen ist, die frommen und evangelischen Bücher Luthers zu verbrennen. Auf, gewissenhafte studierende Jugend, sei dabei bei diesem frommen und gottesfürchtigen Schauspiel! Denn vielleicht ist jetzt die Zeit, in der sich der Antichrist offenbaren musste“ (Übersetzung aus dem Lateinischen von Professor Dr. Ulrich Bubenheimer).

Das Original des Aufrufs ist nicht überliefert. Wir kennen nur eine Abschrift, die ein nicht identifizierbarer zeitgenössischer Schreiber auf das Titelblatt eines gedruckten Berichts über die Ereignisse notierte. Dort wird auch Melanchthon als Autor genannt. Professor Bubenheimer hat sich diese Notizen genauer angesehen und aus der Zusammenschau aller Quellen unter anderem rekonstruiert, dass die Bekanntmachung an verschiedenen Orten der Stadt angeschlagen war, vermutlich an den Kirchentüren, die als schwarze Bretter der Universität dienten. Um sechs Uhr morgens begann der Vorlesungsbetrieb, so dass sich der Plan von der Verbrennungsaktion unter den Studenten noch herumsprechen konnte.

In Melanchthons Aufruf kommt die Bannandrohungsbulle nicht vor. Verbrannt werden sollten demnach lediglich „die gottlosen Bücher der päpstlichen Gesetzte und der scholastischen Theologie“. Während die Verbrennung einiger Ausgaben des kanonischen Rechts wie angekündigt stattfand, fiel die Verbrennung der Bücher der scholastischen Theologie jedoch aus, weil niemand sein Exemplar zur Verfügung stellen wollte. Dass Luther am Ende auch ein Exemplar der Papstbulle ins Feuer warf, geschah ohne öffentliche Ankündigung. Erst im Rückblick trat die Verbrennung der Bulle in den Vordergrund. Dennoch ist zu vermuten, dass Luther nicht spontan, sondern höchst planvoll handelte. Spalatin, der in die konkreten Pläne nicht eingeweiht war, hatte den Kurfürsten im Vorfeld informiert und vermutet, dass Luther die Bulle auf der Kanzel verbrennen würde.

Die morgendliche Bücherverbrennung war eine Universitätsveranstaltung, an der vermutlich keine Wittenberger Bürger teilnahmen. Solche Bücherverbrennungen waren nicht ganz unüblich: In ihnen vollzog die theologische Fakultät eine lehramtliche Zensur. Sie bezog sich dabei unmittelbar auf ähnliche Verbrennungsaktionen der theologischen Fakultäten in Löwen, Köln und Paris, bei denen Schriften Luthers verbrannt worden waren. Allerdings hatte die Verbrennung des päpstlichen Rechts eine andere Qualität, weil durch sie das gesamte kirchliche Rechtssystem in Frage gestellt wurde.
 

2. Die Trompete der Studenten und die zweite Verbrennungsaktion

Während die Professoren nach der vollzogenen Verbrennung wieder heimzogen, blieben die Studenten beim Feuer und begannen ein eigenes, karnevaleskes Schauspiel: Sie feierten eine Totenmesse für die verbrannten Bücher. Im Anschluss sprengten sie das an ein inneruniversitäres Publikum gerichtete akademische Format der Veranstaltung und dehnten das Spektakel auf die ganze Stadt aus: In Verkleidungen fuhren sie auf einem Wagen durch die Straßen, auf dem an einer langen Stange wie ein Segel die Papstbulle befestigt war. Darüber hinaus machten sie mit einer Trompete akustisch auf sich aufmerksam. Unser Wissenschaftlicher Mitarbeiter Mirko Gutjahr stieß auf einen archäologischen Fund aus Wittenberg, was für das Blasinstrument dabei zum Einsatz gekommen sein könnte. Denn unter der Bezeichnung Trompete wurden im 16. Jahrhundert unspezifisch ganz verschiedene Blasinstrumente subsumiert: kostbare Messing- oder Kupferinstrumente, wie sie Hofmusiker, Stadtpfeifer und Türmer nutzten, genauso wie die viel preisgünstigeren Keramikvarianten. Eine solche Keramik-Trompete (oder treffender Fanfare) wurde bei Ausgrabungen 1996/97 in der Wittenberger Collegienstraße 90/91 entdeckt. Obwohl es sich um einen äußerst ungewöhnlichen Fund handelt, blieb das damals gefundene Instrument lange Zeit unbeachtet. Erst rund 20 Jahre später weckte Ralf Kluttig-Altmann die Fanfare aus dem Dornröschenschlaf und unterzog sie einer eingehenden Untersuchung, die er 2015 in den Forschungsberichten des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle veröffentlichte. Das Wittenberger Fundstück besteht demnach aus einem doppelt gewundenen, ausgerollt 2,15 m langen Rohr mit einem leider verlorenen grünen Mundstück und einem Schallbecher. Solche Keramik-Fanfaren wurden Kluttig-Altmann zufolge von Laien gespielt und zeichnen sich durch einen begrenzt schönen, wenig variablen Klang aus. Sie dienten vermutlich bei Umzügen, Aufläufen und Unruhen als Lärminstrument. Da die Trompete am 10.12.1520 den Berichten zufolge von einem Studenten gespielt und als Lärminstrument während des studentischen Umzugs durch die Stadt eingesetzt wurde, ist sehr wahrscheinlich, dass es sich um eine dem Wittenberger Fund ähnliche Keramik-Fanfare handelte. Auf ihren Klang hin liefen die Wittenberger zusammen und schlossen sich dem Umzug an, der schließlich wieder beim Scheiterhaufen vor dem Elstertor endete. Unter großem zeremoniellem Aufwand wurden dort in einer zweiten Verbrennungsaktion die unterwegs in der Stadt eingesammelten Bücher sowie die Papstbulle verbrannt. Dabei wurden zum erneuten Klang der Trompete, in der wir eine Keramik-Fanfare vermuten, allerlei Spottlieder gesungen. Laut wurde aus den Schriften und der Bulle vorgelesen, bevor sie den Flammen überantwortet wurden. Schließlich sammelten die Studenten Geld, um Seelmessen für die verbrannten Bücher zu lesen.

Luthers Verbrennungsakt war unter dem Einsatz der Trompete durch die Studenten zum ersten stadtöffentlichen Reformationsspektakel in Wittenberg geworden, dem 1521/22 in den sogenannten Wittenberger Unruhen viele weitere folgten.

Mit der Verbrennung des kanonischen Rechts und der Bannandrohungsbulle hatten sich Luther und mit ihm große Teile der Universität endgültig von der Autorität des Papstes befreit. Die heilsgeschichtliche Deutung der Ereignisse lieferte der nun Gebannte am nächsten Tag in der Vorlesung und kurz darauf in seiner Schrift „Warum des Papsts und seiner Jünger Bücher von Doctor Martino Luther verbrannt sein“ für eine breite überregionale Leserschaft nach: Der Papst hatte sich als Antichrist offenbart. Die Stunde des öffentlichen Bekenntnisses war gekommen, denn nun forderte Luther seine Hörer und Leser zur Entscheidung zwischen Papst und Christus bzw. zwischen ewiger Hölle und zeitlichem Martyrium auf.
 

Weitere Informationen

Zum Weiterlesen empfiehlt Dr. Ruth Slenczka:

  • Natalie Krentz, Ritualwandel und Deutungshoheit. Die frühe Reformation in der Residenzstadt Wittenberg (1500-1533), Tübingen 2014.
  • Anselm Schubert, Das Lachen der Ketzer. Zur Selbstinszenierung der frühen Reformation, in: Zeitschrift für Theologie und Kirche 108 (2011), S. 405-430.
  • Ralf Kluttig-Altmann, Eine frühneuzeitliche Keramikfanfare aus Wittenberg im Kontext gewundener Hörner in Deutschland, in: Forschungsberichte des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle 7 (2015), S. 93-131.

Bildnachweis: Keramik-Fanfaren, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Andrea Hörentrup

 

 

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