Sonderausstellungen

01. Oktober 2020 bis 31. Oktober 2022
Luthers Sterbehaus | Lutherstadt Eisleben

Raus mit der Sprache!

Die Sprache Martin Luthers hat die Welt bewegt: Seine und unsere heutige Sprache werden in unserer Mitmachausstellung „Raus mit der Sprache!“ in Eisleben erfahrbar – experimentell, interaktiv und spielerisch!

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20. August 2021 bis 20. Februar 2022
Augusteum | Lutherstadt Wittenberg

Pest. Eine Seuche verändert die Welt

Kaum eine Krankheit hat bis heute solche Spuren in der abendländischen Kultur hinterlassen und das kulturelle Gedächtnis Europas so tief geprägt wie die Pest. In der neuen Sonderausstellung gehen wir der Pest auf den Grund.

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Melanchthons Handschrift

04. Juni 2021
Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Fast zu gut, um wahr zu sein.

Die Corona-Pandemie hat das öffentliche Leben eingefroren. Museen waren und sind teilweise noch geschlossen. Auch Luthers Geburtshaus in Eisleben war lange zu. Doch aus der Not haben wir eine Tugend gemacht: Während die Ausstellungen verwaist waren, wurde im Depot fleißig gearbeitet. Mit ungeahnten Folgen!

Die historische Bibliothek in den Sammlungen des Geburtshauses umfasst rund 1.000 Titel aus drei Jahrhunderten. Riesige Bände sind darunter, echte Folianten, komplett mit lederbezogenen Holzdeckeln und metallenen Schließen. An manchen baumelt noch der Rest einer Kette. Die sollte ursprünglich verhindern, dass das kostbare Buch, etwa eine Bibel, ungefragt den Besitzer wechselte. Andere Bände sind klein, unauffällig. So wie das schmale Bändchen mit der Inventarnummer Lu 243. Von außen wirkt es nicht gerade spektakulär. Sein Papp-Einband ist mit buntem, groß gemusterten Papier bespannt. So etwas ist typisch für das ausgehende 18. und 19. Jahrhundert. Hübsch, aber preiswert.

Dem aufmerksamen Auge der Sammlungsverwalterin, die an diesem Tag den Erhaltungszustand der Bücher überprüft, entgeht nicht, dass das Bändchen schief im Regal steht. Und das ist auf Dauer gar nicht gut für den Einband, der ja auch in hundert, zweihundert Jahren noch da sein soll. Also wird das dünne Büchlein herausgenommen und bei dieser Gelegenheit auch gleich durchgeblättert.

Die erste Überraschung: Im vorderen Buchdeckel prangt eine Widmungsinschrift. Der Band war offensichtlich ein Geschenk an Luthers Geburtshaus anlässlich des 300-jährigen Reformationsjubiläums im Jahre 1817. Der Spender, Johann Carl Christoph Nachtigal, war zu dieser Zeit 64 Jahre alt und bekleidete als Generalsuperintendent zu Halberstadt ein hohes kirchliches Amt. Die Inschrift verrät auch, dass es ihm weniger um den Buchtitel an sich geht: Sein Geschenk sei ein „Beitrag zu der Samlung der Autographen der Reformatoren / in Luthers Hause zu Eisleben“, ist da zu lesen. Spätestens hier ist die Neugier geweckt.

Sie erhält allerdings gleich darauf schon wieder einen Dämpfer. Ganz hinten im Buch finden sich zwei Doppelseiten in der Handschrift Philipp Melanchthons. Allerdings sind die Texte offensichtlich auf Deutsch verfasst, und obwohl der große Gelehrte natürlich auch deutsch geschrieben hat, unterstellen wir ihm sicherheitshalber, dass er Griechisch oder Latein bevorzugt hätte. Eben zu gut, um wahr zu sein! Ein genauerer Blick zeigt dann auch noch, dass es sich beim ersten Blatt um einen Kupferstich handelt. Ein Fake-Melanchthon, sozusagen.

Und dann wird es doch noch richtig gut. Denn das zweite Blatt besteht nicht nur aus einem ganz anderen Papier, sondern ist auch nachträglich in das Buch eingebunden worden. Zu der Zeit nämlich, als Papp-Einbände aus buntem, groß gemusterten Papier in Mode waren, kaufte man Bücher nicht als Ganzes, sondern erwarb oft nur die gedruckten Seiten, um sie dann im Stil der eigenen Bibliothek binden zu lassen. Was wertvolle und thematisch passende Blätter durchaus einschloss.

Mittlerweile haben sogar die Expertinnen und Experten der Melanchthon-Forschungsstelle in Heidelberg bestätigt: Die Handschrift ist ein „echter“ Melanchthon, und obendrein noch ein bislang unbekannter. Der Reformator äußert sich darin zum Thema Ehe. Die sieht er als Bund vor Christus und weist dabei zugleich auf die Stellung der Eheleute hin: Vor dem Altar, so Melanchthon, erkennt der Mann die Frau als zu ihm gehörig an, weshalb sie fortan ein Recht auf seinen Schutz und eine gütige Behandlung durch ihn hat. Man mag spekulieren, ob Melanchthon, dessen eigene Vermählung eher dem Drängen wohlmeinender Freunde als eigenem Antrieb folgte, hier als Lebenspraktiker oder als Gelehrter sprach.

Was bleibt? Viele offene Fragen. Nicht die unwichtigste davon ist vielleicht die der Datierung. Ein möglicher Hinweis darauf, wann der Text geschrieben worden sein könnte, findet sich im Inhalt. Melanchthon erwähnt ein Gleichnis, das der griechische Philosoph Pythagoras zum ehelichen Verhältnis von Mann und Frau gezogen hat. Eben dieses Gleichnis zitiert Melanchthon nur noch in drei anderen Schreiben, die von ihm überliefert sind. Alle drei sind Hochzeitsgratulationen, und alle drei datieren vom Februar 1547. Weder davor noch danach hat er jemals wieder darauf Bezug genommen.

Es spricht also viel dafür, dass wir beim „Abstauben“ der Sammlung auf eine bislang unbekannte Handschrift Melanchthons vom Februar 1547 gestoßen sind. Hochstimmung im Lockdown. Und im Depot liegen noch etlich Regalmeter vor uns ...

 

Autorin: Dr. Ulrike Wendt-Sellin

 

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