Reformation mit links?

Luther hält mit der linken Hand die Bibel, Lucas Cranach d. Ä., um 1541
22. September 2020

Unser geschätzter Kollege, der wissenschaftliche Mitarbeiter Mirko Gutjahr, widmete sich mal wieder einer interessanten Fragestellung: War Martin Luther eigentlich Linkshänder?

Diese etwas banal anmutende Frage erreichte mich als Kurator der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt vor einiger Zeit. Normalerweise würde man als Lutherforscher eigentlich mit den Achseln zucken, sein Unwissen gestehen und weiter zum Tagesgeschäft übergehen. Aber manchmal verstecken sich hinter unscheinbaren, historischen Fragestellungen dann doch ganz spannende Aspekte, daher wollte ich dem Ganzen ein wenig intensiver nachgehen.

Erste Feststellung nach der Durchsicht der Literatur: Die Frage ist nicht klar zu beantworten. Luther selbst gibt darauf – obwohl wir aus seinen Selbstzeugnissen sehr viel über seine Person und noch mehr über seine Befindlichkeiten erfahren – leider keine Auskunft. Der einzige Hinweis auf eine mögliche Händigkeit ist sein in den Tischreden kolportierter Ausspruch: „Kaiser-Recht ist anders nichts, denn was menschliche Vernunft lehret; aber das geistlich Recht ist, was der Papst setzt, fartzet und träumet. Jch wollt die linke Hand drüm geben, daß die Papisten müßten ihre Canones halten. Jch meine, sie würden schreien mehr denn uber den Luther!” (WA TR 6, 6862).

Warum die linke Hand? Wäre der Ausdruck, seine „rechte Hand dafür zu geben“ nicht stärker gewesen? War ihm die linke vielleicht wichtiger?

Das bedeutet aber nicht zwangsläufig eine Identifikation Luthers als Linkshänder. Seine Zeitgenossen, weder Befürworter noch Gegner, berichten nichts Derartiges über ihn. Auch zeitgenössische Darstellungen Luthers helfen nicht bei der Beantwortung der Frage weiter: Zwar wird der Reformator meist mit der rechten Hand schreibend dargestellt, aber diese Bilder haben nicht den Anspruch, wirklichkeitsgetreue Abbilder zu sein. Zudem hatten die wenigsten Künstler den Reformator wirklich vor Augen, sondern kopierten von den einschlägigen Vorlagen, allen voran den Porträts aus der Cranach-Werkstatt. Außerdem gilt es bei Kopien von Gemälden oder anderen graphischen Vorlagen auf Holzschnitten oder Kupferstichen vorsichtig zu sein: Durch das „Abkupfern“ wurde die Originalvorlage meist seitenverkehrt reproduziert.

Anders als noch vor wenigen Jahrzehnten, als Linkshänder teilweise noch zwangsweise „umgepolt“ wurden, war Linkshändigkeit im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit noch kein Stigma. Zwar wurde in dieser Zeit die linke Hand, wenn sie denn einmal Erwähnung fand, durchaus in einem negativen Sinn genannt. Die linke Seite galt als die negative: Die kommende Berufung eines Heiligen solle sich bereits im Säuglingsalter zeigen, wenn sie sich weigern würden, von der linken Mutterbrust zu trinken. Beim Verschütten von Salz werfe man besser einige Salzkörner über die linke Schulter, da dort der Teufel lauere.  Auch der Herrgott selbst werde ja dereinst die Gerechten zur Rechten versammeln. „Alsdann wird er auch zu denen auf seiner linken Seite sagen: ›Hinweg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bereitet ist!“ (Mt 25, 41). Auch das Wort „sinister“ für das Dunkle, Böse leitet sich vom lateinischen Begriff für links ab.

Einiger Aberglauben verband sich mit der Vorstellung der linken als „böse“ Hand:  Eide waren ungültig, wenn sie mit der linken Hand geschworen wurden, oder man die linke Hand in der Tasche lässt, mit ihr einen Knopf berührt oder die Finger kreuzt. Umgekehrt ließ sich damit aber auch böser Zauber abwehren: Bäcker in Schwaben drückten mit den Fingern der linken Hand in das letzte Brot, das sie in den Ofen gaben, um es vor Verzauberung durch Hexen zu schützen. Bestimmte Heilkräuter sollten mit der linken Hand gepflückt werden. Vampire konnten nur mit einem Beil erschlagen werden, wenn man es mit links führte.

Die Bibel nennt an zwei Stellen exakt 701 Linkshänder, beide Male im Zusammenhang mit einem dadurch sich ergebenden Vorteil im Kampf: "Da schrieen sie zum Herren, und der Herr erweckte ihnen einen Retter: Ehud, den Sohn Geras, den Benjaminiter; der war linkshändig." (Richter 3,15). Und die andere Stelle lautet: "Unter dem Volk waren siebenhundert auserlesene Männer, die linkshändig waren und mit der Schleuder ein Haar treffen konnten, ohne zu fehlen." (Richter 20,16). Negative Aspekte verbanden sich aber offensichtlich noch nicht mit der Linkshändigkeit. Übrigens: Die immer wieder gern geglaubte Idee, die Wendeltreppen in mittelalterlichen Bauten würden deshalb meistens im Uhrzeigersinn nach oben führen, weil sie so von oben besser mit dem Schwert gegen die meist rechtshändigen Angreifer zu verteidigen seien, ist ziemlich unsinnig, da man in meisten Wendeltreppen aufgrund der Enge ohnehin kein Schwert effektiv einsetzen kann, ganz egal, ob man von oben oder von unten kommt. 

Entgegen einer heute weit verbreiteten Vorstellung galt Linkshändigkeit in der Frühen Neuzeit auch nicht als Indiz für Hexen. Im einschlägigen Kompendium für Hexenjäger, dem Malleus Maleficarum, dem Hexenhammer, findet sich – im Gegensatz zu einer Vielzahl anderer angeblicher Erkennungszeichen – hierzu kein Hinweis. Auch beispielsweise im Prozess gegen die wegen Hexerei angeklagte Johanna von Orleans spielte ihre Linkshändigkeit keine Rolle.  Das änderte sich erst Ende des 17. Jahrhunderts, etwa bei den Hexenprozessen in Salem, wo die Anklage gegen eine der Hexerei verdächtigte Frau durch deren Linkshändigkeit gestützt wurde.

Auch wenn die Linkshändigkeit also keinen Makel darstellte, eine solche wäre bei Luther vermutlich aufgefallen und von seinen Zeitgenossen kolportiert worden.

Fazit: War Luther also Linkshänder? Es wäre möglich – aber nicht sehr wahrscheinlich.

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