Sonderausstellungen

01. Oktober 2020 bis 31. Oktober 2022
Luthers Sterbehaus | Lutherstadt Eisleben

Raus mit der Sprache!

Die Sprache Martin Luthers hat die Welt bewegt: Seine und unsere heutige Sprache werden in unserer Mitmachausstellung „Raus mit der Sprache!“ in Eisleben erfahrbar – experimentell, interaktiv und spielerisch!

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20. August 2021 bis 20. Februar 2022
Augusteum | Lutherstadt Wittenberg

Pest. Eine Seuche verändert die Welt

Kaum eine Krankheit hat bis heute solche Spuren in der abendländischen Kultur hinterlassen und das kulturelle Gedächtnis Europas so tief geprägt wie die Pest. In der neuen Sonderausstellung gehen wir der Pest auf den Grund.

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Thomas Müntzer predigt in der Bethlehemkapelle zu Prag

23. Juni 2021
Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Heute vor 500 Jahren, am 23. Juni 1521, predigt Thomas Müntzer in der Bethlehemkapelle zu Prag.

Zugegeben: Auf einer Liste der Must-Sees von Prag wird man die Bethlehemkapelle kaum unter den Top Ten finden. Der schlichte Hallenbau, dessen einzige Auffälligkeit der gotische Doppelgiebel ist, beeindruckt heutige Besucher nicht eben durch gestalterische Opulenz. Dass ausgerechnet dieser Ort mit dem sparsam vergebenen Titel eines Nationalen Kulturdenkmals glänzt, verblüfft den an die pralle Optik der Prager Altstadt gewöhnten Touristen dann aber irgendwie doch.

Tatsächlich war und ist die äußere Form bis heute Programm. Denn die Kirche wurde bereits 1391 als Predigtkirche konzipiert. Die Gründer, zwei ebenso fromme wie begüterte Böhmen, verfügten ausdrücklich, dass in der Kapelle das Wort Gottes zu verkünden sei, und nicht etwa im gelehrten Latein, sondern auf Tschechisch, der Sprache der einfachen Leute. Klingt irgendwie nach Luther? Stimmt. Doch das Ganze fand gute eineinviertel Jahrhunderte vor dem Thesenanschlag statt.

Und so liefert die Kapelle ein erstes Indiz für die Antwort auf die Frage, was Thomas Müntzer an diesem 23. Juni 1521 in die Stadt an der Moldau zog. Böse Zungen mögen ja behaupten, es sei die Landesgrenze gewesen. Denn Prag und das Königreich Böhmen gehörten zwar zum Heiligen Römischen Reich. Sein König zählte gar zum erlauchten Kreis der sieben Kurfürsten. Doch im Sommer 1521 war eben dieser König zarte 14 Jahre alt, und sein Erzieher und Mitvormund, Markgraf Georg der Fromme von Brandenburg-Ansbach, sympathisierte offen mit den Ideen der Reformation. So aufgeschlossen waren längst nicht alle Obrigkeiten im Reich, wie Müntzer aus eigener Erfahrung wusste. Der streitbare Reformator hatte sich nämlich erst kurz zuvor in Zwickau bei den örtlichen Franziskanern und, noch schwerwiegender, beim Stadtrat unbeliebt gemacht. Seine Auslegung des Evangeliums galt als aufrührerisch, er selbst als Unruhestifter. Da mochte der Gedanke, sich eine Weile ins Ausland abzusetzen, naheliegend gewesen sein. Die Wahrheit allerdings ist wie so oft komplexer.

Böhmen mit seinem kulturellen Zentrum Prag galten als Vorreiter der reformatorischen Bewegung. Schon im Jahre 1402 predigte in der – Achtung! – Bethlehemkapelle ein gewisser Jan Hus. Der kritisierte nicht nur den allzu weltlichen Lebenswandel des Klerus und die Praxis des Ablasshandels. Zu seinen Forderungen gehörte auch die Austeilung des Abendmahls in beiderlei Gestalt und die Berufung auf die Bibel – nicht etwa den Papst – als letzte Instanz in Glaubensfragen. Seine Ideen fanden in der Bevölkerung und in reformorientierten Kreisen viel Beifall, brachten ihm aber auch den Vorwurf der Ketzerei ein. 1415 endete er schließlich auf dem Scheiterhaufen. Ein Schicksal, das Müntzer und seinen Zeitgenossen überaus deutlich vor Augen stand.

Doch Müntzer durfte hoffen, in Prag den geeigneten Nährboden für seine eigenen reformatorischen Lehren zu finden, zumal die hussitische Bewegung in den hundert Jahren seit dem Tod ihres Vordenkers etliche Unterströmungen entwickelt hatte. Als Müntzer in Prag eintraf, wurde ihm ein feierlicher Empfang bereitet. Offensichtlich hielt man ihn für einen Repräsentanten der berühmten Wittenberger Reformation; versprach sich neue Erkenntnisse und die Chance auf Einigung. Tatsächlich könnte „Magister Thomas Lutheranus“ beabsichtigt haben, in der Stadt eine Disputation abzuhalten. Streitgespräche unter Gelehrten waren das Mittel der Wahl, wenn es darum ging, Anhänger zu gewinnen und eigene Überzeugungen zu verbreiten. Und welcher Ort hätte eine bessere Bühne dafür geboten als die Bethlehemkapelle, die Predigtkirche des mittlerweile zum Nationalheiligen avancierten Jan Hus?

Ob es eine solche Disputation am Ende je gegeben hat, ist nicht überliefert. Müntzer hielt am 23. Juni zwei Predigten auf Deutsch und Latein. Quellen berichten von der Übersetzung ins Tschechische. Vom Inhalt wissen wir nichts. Es scheint allerdings, dass die erhoffte Wirkung seiner Pragreise ausgeblieben ist: Bereits kurze Zeit nach seiner Ankunft wurde ihm der Zugang zu allen Predigtstätten verwehrt. Weder die Ursache noch der genaue Zeitpunkt dieses Ausschlusses sind heute bekannt.

 

Autorin: Dr. Ulrike Wendt-Sellin, Leiterin unserer Museen in Eisleben und Mansfeld

 

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