Vom Arbeiten an einem historischen Ort

Augusteum heute
02. Juli 2020
Augusteum | Wittenberg

Während sich die Büros der Kolleg*innen in Eisleben und Mansfeld in modernen Neubauten befinden, haben sich die Kolleg*innen in Wittenberg ihre Arbeitsplätze in einem historischen Gebäude eingerichtet, nämlich dem Augusteum.
Was es denn mit diesem imposanten Gebäude auf sich hat, darüber berichtet unsere wissenschaftliche Mitarbeiterin, Dr. Tina Bode.


Vom Arbeiten an einem historischen Ort

Statistisch gesehen verbringen wir einen Großteil unseres Erwachsendaseins am Arbeitsplatz. Wer, je nach Wetterlage, nicht das Glück oder Pech hat, im Freien zu arbeiten oder beruflich stets auf Reisen zu sein, sitzt in der Regel in einem Bürogebäude am Schreibtisch. Hier brütet man über berufliche Themen und Entscheidungen, führt Gespräche mit Kollegen und Gästen, telefoniert, schreibt etc. Da der Mensch aber nicht pausenlos kreativ sein kann – auch das belegen Statistiken – schweift der Blick gelegentlich mal aus dem Fenster oder im Zimmer umher. Dem ein oder anderen (auch Nicht-Historiker) dürfte hierbei schon einmal die Frage gekommen sein, was sich in den Wänden des Raumes oder Hauses wohl in früheren Zeiten zugetragen hat.

Als Historikerin kann man quasi gar nicht anders, als dem einmal gründlicher nachzugehen. Da gerade ein Raum der Stiftung Luthergedenkstätten in Wittenberg in einen Veranstaltungsraum umgewidmet wird und dieser noch einen passenden Namen braucht – der sich durchaus aus seiner Geschichte generieren lassen könnte – bot es sich an, einmal gezielt zurück in die Vergangenheit zu schauen. Welche Geschichten können der Raum, das Gebäude und nicht zuletzt die Menschen, die hier gewohnt, gelebt und gearbeitet haben, erzählen? Folgen Sie mir auf eine kleine Entdeckungsreise, die nicht in den Büchern steht.

Eines aber vorweg: Die Geschichte hat rein gar nichts mit Martin Luther zu tun – obwohl, indirekt gibt es einen Zusammenhang, aber dazu später. Der betreffende Raum (wie übrigens auch mein Büro) befinden sich nämlich nicht im Lutherhaus, sondern von der Straße aus betrachtet im Vorderhaus, dem sogenannten Augusteum. Es wurde Jahrzehnte nach Luthers Tod Ende des 16. Jahrhunderts (1581-1598) erbaut, als sich das Lutherhaus im Besitz der Universität befand. Benannt wurde es nach dem sächsischen Kurfürst August I. Der hatte schon 1564 für die Beherbergung und Ausbildung von 27 Studenten das „Collegium Augusteum“ gegründet. Als akademisches Zentrum der Reformation erfreute sich Wittenberg im 16. Jahrhundert eines großen Zulaufs an Studenten. Der Platz im ehemaligen Lutherhaus wurde schnell knapp und so verfügte der Kurfürst einen Erweiterungsbau bestehend aus Vorderhaus und Seitenflügel, in dem neben den Unterkünften für Stipendiaten auch Platz für Bibliotheksbestände, Sammlungen, eine Druckerei, einen anatomischen Hörsaal und einen Saal für universitäre Fest geschaffen wurde.

Unser künftiger Veranstaltungsraum liegt im ersten Obergeschoss des Vorderhauses. Beide Obergeschosse sind so konstruiert, dass von einem langen Flur aus jeweils auf der einen Seite Räume zur Straßenseite und auf der anderen zum Hof abgehen (Foto 11). Am östlichen Ende befindet sich auf beiden Etagen ein großer Saal. Der betreffende Raum (damals noch Räume 121 bis 123) liegt auf der Hofseite. Durch vier Fenster schaut man heute auf den gen Süden gelegenen begrünten Innenhof des Lutherhauses. Ein kleiner angrenzender Raum im Westen (Raum 124) verfügt über ein imposantes Kreuzgewölbe, fast zu schade für die momentane Aufbewahrung von Stühlen.

Bevor die Stiftung die Räume des Augusteums für Verwaltungs- und Ausstellungszwecke nutzte, befand sich hier fast 200 Jahre das Evangelische Predigerseminar, das jetzt im Christine-Bourbeck-Haus und im Schloss Wittenberg ein neues Zuhause gefunden hat. Bei den Nachforschungen, wie der Raum bzw. der Bereich wohl zuletzt genutzt wurde (der Auszug des Predigerseminars erfolgte 2012), ergab sich eine Überraschung. In den Zimmern befanden sich nicht etwa Unterkünfte der Vikare (Foto 22), die hier ihre Ausbildung zum Pfarrer absolvierten, oder Seminarräume, sondern an dieser Stelle befand sich eine komplette Wohnung. Und zwar die der „Hausmutter“.

Erfreulicherweise lebt die letzte hier wohnende und inzwischen pensionierte Hausmutter noch in Wittenberg. Cordula Hubrig ist eine sympathische Frau, die sich gern an ihre Zeit im Predigerseminar erinnert. Beim Treffen in ihrer Wohnung, umgeben von ihren drei Katzen, kommen wir schnell ins Plaudern und schauen gemeinsam auf den Grundriss des Hauses. Ziemlich exakt auf der heutigen Grundfläche des geplanten Veranstaltungsraumes befanden sich die Küche, der Wohnbereich, das Schlafzimmer und das Bad ihrer Wohnung (Foto 1, Räume 121 bis 124, von links nach rechts). Der Raum mit dem Kreuzgewölbe war wohl das schönste Badezimmer, was sie je hatte, bekennt sie. Vor ihr hatten schon andere Hausmütter hier ihre Wohnung. Ein paar Änderungen habe sie sich bei ihrem Einzug erbeten, so der kleine Flur und die Zusammenlegung zweier Zimmer. Das dabei freigelegte Fachwerk aus dem 19. Jahrhundert hat sie beibehalten – ein Blickfang in ihrem wohnlich eingerichteten Bereich (Foto 33). 15 Jahre habe sie hier gewohnt, eine lange Zeit. Irgendwann erhielt sie einmal einen Blumenstrauß anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Hausmutteramtes im Predigerseminar. Das dürfte, wie ich später herausfand, im Jahr 2001 gewesen sein, denn die erste sogenannte Hausdame zog 1901 ein, übrigens mit ihrer Mutter. Die Einstellung des damals 43-jährigen Fräuleins Magdalene Meuß stieß zunächst auf große Kritik. Mit der Neuerung wurde den Pfarranwärtern das monatliche Stipendium von 75 auf 65 Mark gekürzt, um den gemeinsamen, von der Hausdame zubereiteten Mittagstisch, zu finanzieren. Da die Unterkunft bereits 50 Mark kostete, verblieb somit wenig „Taschengeld“. Aber die Jahresberichte bezeugen mit der Zeit die wachsende Hochachtung vor der Hausdame, die sich unter anderem in der individuellen Würdigung jedes Einzelnen anlässlich seines Geburtstages zeigte.

Geburtstagsgrüße und die Verköstigung der Bewohner waren sicher bei weitem nicht die einzigen Aufgaben der Hausdame oder -mutter. Auf die Frage an Frau Hubrig, was man sich unter den Aufgaben einer Hausmutter vorstellen dürfe, lautet die diskrete Antwort „Alles, was auch eine Hausfrau tue“. Damit ahnt man schon, dass es eigentlich nie einen „Feierabend“ gab. In der Tat sei es nicht immer einfach gewesen, auf der Arbeitsstelle zu wohnen. Krank sein oder Urlaub haben war sehr schwierig. Man sei ja immer da gewesen.

Schon damals lebten bei Frau Hubrig Katzen. Wenn sie nicht in der Wohnung waren, streiften sie über den Lutherhof. Die erste hieß Käthe, verrät Frau Hubrig schmunzelnd. Nomen est omen denke ich und stelle mir vor, wie die Katze ähnlich ihrer Namenspatin Katharina von Bora den Hof inspiziert und nach dem Rechten schaut. Als Käthe Nachwuchs bekam, musste natürlich ein passender Name aus der Lutherfamilie gefunden werden. So gesellte sich Paul hinzu, gleichnamig mit dem fünften Kind der Familie Luther. Da der tierische Paul sich jedoch alsbald als Paula entpuppte, musste eine Namensänderung vollzogen werden. Um in der Tradition zu bleiben und vielleicht, weil die Namen der Töchter eher „katzenuntypisch“ waren (Elisabeth, Magdalena, Margarete), wurde so ein Paulchen aus ihm, also ihr.

Als ich wenige Tage nach unserem netten Gespräch, quasi beim Gegenbesuch, mit Frau Hubrig im Augusteum in unserem künftigen Veranstaltungsraum bzw. ihrer alten Wohnung stehe, schwingt ein bisschen Wehmut mit. „Das war mal meine Wohnung!“ Nichts lässt mehr deren früheres Aussehen erahnen. Nicht nur die Einrichtung, alle Innenwände sind verschwunden. Nur die Badezimmertür, ein eher unscheinbares und funktionales Exemplar, ist noch übrig. Ca. 86 qm Wohnfläche haben sich durch Einbeziehung des ehemaligen Ganges in ca. 109 qm Nutzfläche gewandelt (Foto 44). Als wir in einem Türverzeichnis des Augusteums mit Fotos blättern, finden wir die früheren Wohnungstüren. „Da ist ja noch die Zeichnung dran!“ Zwischen unzähligen Fotografien von Türen, die wissenschaftlich akkurat und entsprechend sachlich aufgenommen und beschrieben werden, sticht dieses eine heraus: eine Tür, auf der ein gemaltes Bild angeheftet ist. Das habe ihr mal eines der Kinder geschenkt, erinnert sich Frau Hubrig lächelnd. Im Predigerseminar lebten nämlich auch Vikarenpaare oder Vikarinnen, bisweilen mit Nachwuchs. Eine noch verhältnismäßig junge Tradition. Im Augusteum, wo sich heute mehrere Tausend Kinder pro Jahr in den Räumen der Kulturellen Bildung im Erdgeschoss tummeln und spielerisch die Welt Martin Luthers und der Reformation entdecken, dürften sich lange Zeit keine Kinder aufgehalten haben. Denn der Zugang von Frauen zum Pfarramt war erst seit Beginn der 1960-er Jahre möglich. In Wittenberg gehörte erstmals im Ausbildungsjahrgang 1968/69 eine Frau zu den Teilnehmern.

Da, wo heute Kinder und Jugendliche zusammenkommen, befand sich übrigens zuletzt die Wohnung des Hausmeisters und seiner Familie. Und auch über mein Büro kann mir Frau Hubrig etwas aus früherer Zeit berichten. Lange bevor sie hier als Hausmutter wohnen und arbeiten sollte, bekam sie in diesem Zimmer Klavierunterricht bei dem Musikdozenten am Predigerseminar, Kantor Klaus-Dieter Mücksch. Eine schöne Vorstellung, wenn die Gedanken künftig mal in die Vergangenheit abschweifen. Mit Blick auf die Zukunft hat sich eines noch nicht gefunden: ein Name für den neuen Veranstaltungsraum. Welcher es auch werden mag, vermutlich werde ich mich bei der ein oder anderen Veranstaltung bei der Vorstellung ertappen, wie Frau Hubrig hier einst gesessen hat, vielleicht mit Käthe (oder Paulchen) auf dem Schoß, während es an ihrer Tür klingelt.

Sollten Sie in hoffentlich nicht allzu ferner Zeit eine Veranstaltung in dem Raum besuchen, betreten Sie das Augusteum übrigens über den Nebeneingang. Historisch betrachtet war das durchaus ein Privileg: Der westliche Eingang zum Augusteum wurde um ca. 1800 extra für das Juristenkollegium und Konsistorium geschaffen. Diese versammelten sich ab 1760 im Augusteum, da ihre Gebäude im Norden der Stadt im Verlauf des Siebenjährigen Krieges zerstört worden waren. Der Hauptzugang in der Mitte des Gebäudes kam für sie nicht in Frage, denn darüber gelangte auch das Vieh auf den Hof, wo sich Wirtschaftsräume und Räume zur Viehhaltung befanden. Den Juristen war nicht zuzumuten, den gleichen Weg wie das Vieh zu nehmen!

Wir halten – wenn auch ohne Hausmutter – an einem gebührenden Empfang unserer Besucher fest!


1 Grundriss des Augusteums, 1. Obergeschoß, © Isabell Nispel: Das Collegium Augusteum in Wittenberg. Ein Universitätsgebäude der Frühen Neuzeit, Berlin 2019, Band 1 – Text, S. 137, Abb. 86
 
2 Blick in ein Vikarszimmer im Augusteum, Foto: Cordula Hubrig
 
3 Blick in das Wohnzimmer von Cordula Hubrig, Foto: Cordula Hubrig

4 Blick in den zukünftigen Veranstaltungsraum mit Frau Hubrig an der Stelle, wo sich einst ihr Wohnzimmer befand. Foto: Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt
Foto 1 - Grundriss des Augusteums, 1. OG
Foto 2 - Vikarszimmer
Foto 3 - Wohnung von Frau Hubrig
Foto 4 - Frau Hubrig im heutigen Veranstaltungsraum

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