Verehrt. Geliebt. Vergessen. Maria zwischen den Konfessionen

Blick in die Ausstellung "Maria zwischen den Konfessionen"
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Ende der Ausstellung

Nach vier Monaten haben wir am Sonntag unsere „Maria“-Ausstellung im Wittenberger Augusteum geschlossen. Wir sind ein bisschen wehmütig, aber auch dankbar.
Mit dem Wagnis, die Gottesmutter Maria ausgerechnet in der Lutherstadt in den Blickpunkt zu nehmen, haben wir rund 5.000 Besucher begeistert.
Wir freuen uns sehr über die vielen positiven Kommentare und Kritiken zu „Verehrt. Geliebt. Vergessen. Maria zwischen den Konfessionen“ von den teilweise von weither angereisten Besuchern. Erstmals setzte sich überhaupt eine Ausstellung mit „Luther und Maria“ auseinander – und zeigte einmal mehr, was die Konfessionen verbindet – und nicht trennt.

Pressematerialien

Sehr gern können Sie für Werbezwecke unter Angabe "© Stiftung Luthergedenkstätten" die Materialien für die Sonderausstellung "Verehrt. Geliebt. Vergessen. Maria zwischen den Konfessionen" nutzen. Für weiteres Pressematerial und Pressefotos wenden Sie sich bitte an Kathleen Prescher unter veranstaltung@martinluther.de oder 034 91 – 420 31 21.


Erste Ausstellung zu Luther und Maria!
Maria wird bis heute in der katholischen Kirche tief verehrt. Für Luther war sie die „liebe, werte Magd“, auf die er zahlreiche Predigten hielt. Doch bei seinen protestantischen Nachfahren ist sie weithin vergessen. Wie kommt es, dass Maria, im gesamten Christentum die Mutter Gottes, die Konfessionen trennt? Die Ausstellung handelt von diesem Wandel. Eindrucksvolle Schnitzplastiken, Tafelgemälde, Druckgrafiken und Schriften des 15. und 16. Jahrhunderts präsentieren die Vielfalt der Marienbilder, die von der prachtvollen Himmelskönigin bis zur demütigen Magd Gottes reichen.

Maria: auch eine evangelische Gestalt!
In Luthers Arbeitszimmer hing ein Marienbild. Gleichzeitig polemisierte er heftig gegen die zahlreichen Marienwallfahrtsorte und den zeitgenössischen Marienkult. Und doch war Luthers Wittenberg auch eine Marienstadt: mit der Stadtkirche St. Marien, den Marien-Reliquien in der Schlosskirche und dem tiefen Marienglauben des Kurfürsten Friedrichs des Weisen. Nach Luthers Tod vertieften sich die konfessionellen Gräben und die Marienverehrung wird immer mehr zum Charakteristikum der katholischen Kirche. Die Protestanten hingegen zerstörten ihre Bilder und Statuen oder versteckten sie in sogenannten Götzenkammern. Die Ausstellung stellt die wechselvolle Geschichte der Marienfrömmigkeit im Reformationsjahrhundert mit wertvollen Zeugnissen der Kunst wie auch der Theologie, Literatur und Musik aus rund 50 Sammlungen vor. Die Leihgeber kommen aus Deutschland, Österreich, Schweiz und Italien. Etwa 110 Exponate aus Kunst, Literatur und Alltag zeigen Maria zwischen den Konfessionen.

Die Highlights der Ausstellung

Aus den etwa 110 Exponaten aus mehr als 50 Sammlungen gibt es viele Highlights in der neuen Sonderausstellung, die besichtigt werden wollen. In den nächsten Wochen stellen wir an dieser Stelle einige Exemplare vor.

Um die Ausstellungsstücke in ihrer vollen Pracht sehen zu können, bitte zum Vergrößern auf das jeweilige Bild klicken.

Cranachs Madonna

Cranachs Maria mit dem umhalsenden KindDer Mai ist ein Marienmonat. In katholischen Kirchen werden Marienandachten gefeiert, Marienlieder gesungen und der Rosenkranz gebetet. Im schönsten Monat des Jahres, in dem der Frühling erwacht, wird also Maria als der schönsten Frau gedacht.

Davon zeugt auch Cranachs Bildnis der Madonna mit dem sie umhalsenden Kind. Seit über 400 Jahren befindet sich das Original in Innsbruck und wird dort als Mariahilf-Bild verehrt. Dafür allerdings musste es konvertieren: Denn Cranach malte das Gemälde um 1540 im Auftrag des Kurfürsten als reformatorisches Marienbild, das Maria so zeigte, wie Luther sie sah: als einfache Frau, ohne Heiligenschein, als liebende Mutter, die dem Betrachter ihren Sohn, den Sohn Gottes als Erlöser präsentiert.

Als Johann Friedrich 1547 die Kurwürde verlor, kam das Gemälde offensichtlich nach Dresden in die Kunstkammer und wurde 1611 dem Habsburger Erzherzog Leopold V. geschenkt. Er brachte es zunächst nach Passau und dann nach Innsbruck. An beiden Orten stieg Cranachs Madonna zum Gnadenbild auf und begründete eine Marienwallfahrt. Im Innsbrucker Dom ist es bis heute Bestandteil eines reich verzierten barocken Hochaltars. Die Wittenberger Cranach-Werkstatt kopierte das Motiv mehrfach, eine Version gehört den Schweriner Kunstsammlungen und erzählt in der Ausstellung die aufregende Geschichte der Rückverwandlung eines protestantischen Madonnenbildnisses zum katholischen Gnadenbild.

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Maria aus Budapest

Die neue Sonderausstellung im Augusteum versammelt prachtvolle Kunstwerke, darunter farbenfrohe Gemälde oder die mit Perlen und Edelsteinen besetzte Prachtmitra von Kardinal Albrecht, dem Gegenspieler Luthers aus Halle. Die auf dem Foto dargestellte Madonnenskulptur aus Lindenholz, rund 115 cm hoch, fällt nicht sofort ins Auge, da sie ihren ursprünglichen Goldlack im Lauf der Jahrhunderte verloren hat. Als Leihgabe aus der Ungarischen Nationalgalerie Budapest hat die Figur aus dem frühen 14. Jahrhundert einen weiten Weg bis nach Wittenberg hinter sich. Weltweit haben sich nur wenige Statuen mit dieser Eigenheit erhalten: Der Kopf des Jesuskindes ist beweglich und sitzt auf einem drehbaren Zapfen. Mit Schnüren, die in der ausgehöhlten Holzskulptur unsichtbar vor den Augen der Betrachter verliefen, konnte der Kopf des Kindes zu seiner Mutter gedreht oder abgewendet werden.

Die damalige Zeit liebte solche „handelnden Bildwerke“. In den Kirchen fanden an den Festtagen manchmal sogar richtige Schauspiele statt, wenn man beispielsweise die Himmelfahrt durch eine Christusfigur, die an Seilen bis unter das Kirchendach hochgezogen wurde, inszenierte.

Der auch in Wittenberg residierende sächsische Kurfürst Johann Friedrich besaß eine solche Marienfigur. Luther ärgerte sich gewaltig darüber, welche Geschäfte man mit ihr trieb. Denn das Christkind drehte seinen Kopf besonders gern zu den reichen Gläubigen, die vor ihr knieten und eine große Geldgabe versprachen. Manchmal soll sich sogar eine Person hinter der ausgehöhlten Marienskulptur versteckt haben und aus dem Hohlraum, als wäre sie Maria, gesprochen haben. Diese Verknüpfung von Geld und Glaube kritisierte Luther heftig – nicht nur beim Ablass, sondern auch bei der Marienverehrung.

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Prachtmitra

Marienverehrung und Luxus kommen in dieser kostbaren Mitra zusammen, die wohl um 1514 entstanden ist. Der junge Erzbischof Albrecht residierte seit diesem Jahr in der Moritzburg in Halle. Hier stiftete er auch eine neue große Kirche, die er Maria weihte. Der Seidensticker Hans Plock berichtet, er habe Albrecht „ein Bischofshut gemacht, der kost ob hundert tausend Gulden“. Mit Perlen, Edelsteinen, Goldplättchen und feiner Seide wird die Verkündigung des Engels an Maria in Szene gesetzt, auf der Rückseite die Geburt Christi im Stall mit Maria und Josef. Wenn Albrecht mit dieser rund 2 kg schweren Prachtmitra in Festmessen an hohen Feiertagen auftrat, muss dies sehr eindrucksvoll gewesen sein – vor allem dann, wenn sich das Licht in den beweglichen ovalen Goldpailletten widerspiegelte.

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Marienwallfahrtsort

Wittenberg - ein Marienwallfahrtsort

Wittenberg im späten Mittelalter: das war noch nicht die Stadt der Reformation und Martin Luthers, sondern vielmehr die Stadt Mariens. Die Stadtkirche war – und ist bis heute – eine Marienkirche. Zwischen den beiden Kirchtürmen war an der Außenfassade ein großes Marienbild weithin sichtbar und im Inneren standen mindestens drei Marienaltäre. In der Schlosskirche hatte Kurfürst Friedrich der Weise einen intensiven Marienkult begründet und eine Vielzahl von Andachten, Messen und Prozessionen zu Ehren der Muttergottes gestiftet. Vor den Toren der Stadt, auf dem Boldersberg (heute Apollensberg), stand eine Marienkapelle. 1400 erhob sie Papst Bonifatius IX. mit dieser prachtvollen originalen Urkunde zu einem Wallfahrtsort, dessen Besuch mit einem Ablass verbunden war.

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Maria mit der Lutherbibel

Der Wertewandel, den die Reformation mit sich brachte, bedrohte viele Künstler in ihrer Existenz, insbesondere die Bildschnitzer, für die es fortan keine Aufträge mehr gab. Der aus Würzburg stammende Künstler Peter Dell d. Ä. allerdings gehörte zu den wenigen, die kreativ mit den Widersprüchen der Zeit umgingen und es wagten, das Neue dem Alten an die Seite zu stellen: In einer hinreißenden, als Halbrelief geschnitzten Bildtafel bildet Peter Dell Maria mit ihrem Kind in einem traditionellen byzantinischen Gewand ab, passt sie in eine moderne Renaissance-Architektur ein und lässt kleine Putten Schrifttafeln halten, in denen Zitate aus Luthers Bibelübersetzung zu finden sind. Als Vorbild diente ihm eine Ikone der „Schönen Maria“, die seit 1519 in Regensburg Tausende von Wallfahrern anzog und Inbegriff der katholischen Marienverehrung ist. Sie wird in der Fachsprache als süßküssende Maria bezeichnet. Auch Cranach greift bei seiner reformatorischen Auslegung der Madonna auf diesen Bildtypus zurück. Und Cranach ist es auch, der auf seinen protestantischen Lehrbildern die lutherischen Botschaften durch Texttafeln zusätzlich herausstellt. Peter Dell d. Ä. hielt sich zwischen 1520 und 1540 im albertinischen Sachsen am Hofe Heinrich des Frommen auf, der 1536 in seinem Herrschaftsbereich die Reformation einführte. Dort entstand diese einzigartige geschnitzte Mariendarstellung, die ganz offensichtlich für einen protestantischen Auftraggeber bestimmt war.

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Pietà ohne Maria

Der Umgang der Protestanten mit Maria besitzt viele sehr unterschiedliche Facetten. Darstellungen von biblischen Szenen wie die Verkündigung oder der Besuch Marias bei Elisabeth blieben auch in den evangelischen Kirchen erhalten. Doch es kam ebenfalls zu Zerstörungen, allerdings weitaus seltener als oft angenommen wird. Denn Bilderstürme waren die Ausnahme, zumindest im lutherischen Mitteldeutschland im Gegensatz zu den strikt bilderfeindlichen reformierten Schweizern. Die Aggression galt dabei neben den Heiligen auch Maria, etwa wenn in Magdeburg im Jahr 1524 genau am Fest Mariae Himmelfahrt (15. August) Skulpturen des Magdeburger Doms heruntergerissen wurden. Gezielt gegen Maria war der Angriff gegen die Pietà im thüringischen Orlamünde gerichtet: Christus blieb erhalten, während Maria handwerklich fein säuberlich entfernt wurde. Ob dies 1523/24 geschah, als der Theologe Andreas Karlstadt Pfarrer in Orlamünde war, ist umstritten. Im Gegensatz zu Luther war er ein heftiger Bilderfeind und polemisierte auch gegen "Marienknechte".

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Gebetskette

Ein Rosenkranz im Hause Luther

Maria war bei den Luthers keineswegs vergessen und sogar in ihren Wohnräumen präsent. So spricht Martin Luther selbst von einem Marienbild in seinem Arbeitszimmer, das Maria als Mutter Gottes mit dem Kind zeigt. Auch Marienfeste wurden gefeiert, zwar nicht mehr Mariae Himmelfahrt – da diese nicht in der Bibel belegt ist – aber doch Mariae Lichtmeß (2. Februar), Mariae Verkündigung (25. März) und Mariae Heimsuchung (2. Juli). Beide Eheleute brachten aus ihrem Klosterleben eine intensive Marienfrömmigkeit mit. Katharina gehörte dem Orden der Zisterzienserinnen an, deren Kirchen allesamt Maria geweiht waren. Regelmäßig beteten die Nonnen den Rosenkranz, der im 15. Jahrhundert immer populärer wurde – auch unter den Laien, die sich häufig in Rosenkranzbruderschaften organisierten. Erhalten hat sich sogar die Gebetskette, mit der Katharina den Rosenkranz gebetet haben soll.

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Holzschnitt "Die schöne Maria"

Nachdem im Februar 1519 die Regensburger Juden vertrieben, ihre Synagoge zerstört und unmittelbar daneben bereits im April eine hölzerne Kapelle errichtet und Maria geweiht wurde, begann eine Wallfahrt, die sehr schnell Pilger aus ganz Deutschland anzog. Zu ihrem Ende im Jahr 1525 waren in der Kapelle rund 50.000 Messen gelesen worden – also täglich mindestens 20. Zu diesem großen Erfolg, der für die Stadt Regensburg auch hohe Einnahmen bedeutete, trug auch eine Vielfalt von Werbematerialien bei. Darunter auch ein aufwändiger Farbholzschnitt von Albrecht Altdorfers (um 1480-1538). In einem komplizierten Herstellungsverfahren wurde für jede Farbe eine eigene Platte eingesetzt, die genau zueinander passen mussten und sich bei der Drucklegung nicht verschieben durften. Für seinen Holzschnitt zur „Schönen Maria“ verwendete Altdorfer sechs Platten. Neben Cranach d. Ä., Burgkmair, Baldung Grien und Beham gehört er zu den ersten Künstlern in Deutschland, die mit diesem Verfahren bislang unbekannte Farbwirkungen in der Druckgrafik erzielen konnte. Ganz ohne Zweifel: Dieser ungewöhnliche Holzschnitt wollte auffallen und seine Betrachter nach Regensburg locken.

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Eine Madonna aus Italien

Marias Milch wirkte Wunder – das jedenfalls glaubten die Menschen im ausgehenden Mittelalter. Schließlich hatte sie mit ihr den Gottessohn genährt. So konnte ihre Milch Heilige sehend machen – etwa den Zisterziensermönch Bernhard von Clairvaux – oder aber die Qualen der armen Seelen im Fegefeuer lindern. Als Jungfrau war Maria von Sünde frei und dafür prädestiniert, den Menschen zu helfen. Sie wandten sich in Fürbitte-Gebeten an die Gottesmutter, in denen sie um das Wohl der im Fegefeuer geläuterten Verstorbenen baten. Diese Zusammenhänge veranschaulicht das Tafelgemälde eines anonymen Künstlers aus Mittelitalien, das den Titel „Madonna del Suffragio“ (Maria als Fürbitterin) trägt und jetzt erstmals in Deutschland zu sehen ist. Es zeigt Maria inmitten einer kargen, dürren und felsigen Landschaft als „Wohltäterin und Trösterin der armen Seelen im Fegefeuer“. Aus ihren entblößten Brüsten ergießen sich feine Milchstrahlen auf den Erdboden, in dem die nackten Seelen von Flammen umzüngelt feststecken und Maria um Hilfe und Erlösung anflehen.

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Das Heiltumsbuch

Heiltumsbuch der Wittenberger Schlosskirche

Wenn der leidenschaftliche Reliquiensammler Kurfürst Friedrich der Weise ein besonderes Stück haben wollte, trennte er sich im Gegenzug auch schon mal von anderen liebgewonnen Objekten: Für ein Stück des echten Kreuzes und einen Stofffetzen vom Gewand Christi tauschte er 1510 selbsterlegte Jagdtrophäen ein, für Reliquien aus Frankreich trennte er sich 1519 auch schon mal von einem Cranach-Gemälde oder gab dafür andere Reliquien im Tausch. Bis zu seiner Auflösung nach dem Tod Friedrichs war die Sammlung des sächsischen Kurfürsten die größte ihrer Art nördlich der Alpen. Doch die Passion für Reliquien rührte nicht nur von seiner persönlichen Frömmigkeit her, sie war auch eine Demonstration von Macht und Reichtum gegenüber den anderen europäischen Fürstenhäusern. So erklärt sich auch der von Friedrich beauftragte „Ausstellungskatalog“, das Wittenberger Heiltumsbuch, in dem alle bis dahin gesammelten Reliquiare mit ihren darin befindlichen hochgeschätzten Inhalten aufgelistet wurden. In der 2. Auflage von 1509/10 umfasste sie 117 kostbar gearbeitete Reliquiengefäße mit insgesamt 5005 Partikeln von Heiligen. Wie auch die öffentliche Zeigung der Reliquien, die Heiltumsschau, die zweimal jährlich vor Ostern und an Allerheiligen an der Schlosskirche für die versammelten Pilger durchgeführt wurde, war auch das Buch nach „Gängen“ geordnet, mit dem Höhepunkt am Schluss: Reliquien, die mit der Familie Christi und natürlich mit dem Heiland selbst und seiner Passion zu tun hatten. Als großer Marienverehrer hatte Friedrich der Weise auch etliche Reliquien in seinem Heiltumsschatz versammelt, die der Jungfrau Maria zugerechnet wurden. Darunter befanden sich einige, die der junge Kurfürst bei seinem Besuch im Heiligen Land dort selbst erworben hatte, etwa Steine und Erde von den Lebensorten Mariens. Andere Reliquien bedurften allerdings ein hohes Maß an Glaubensüberzeugung, um sie für authentisch zu halten, wie etwa ein Fläschchen der Milch Mariens oder Stroh von der Krippe des Jesuskindes. 

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Das Einhorn

Vom Symbol Christi zum Spielzeug

In vielen Kinderzimmern gibt es heute Einhörner - gern mit flauschigem rosa Fell und Glubschaugen. Konjunktur hatte das Einhorn bereits vor mehr als 500 Jahren: Auf vielen Bildern des Spätmittelalters kommt es vor - den Kopf im Schoß einer jungen Frau. Oft spielt die Szene in einem verschlossenen Garten ("Hortus conclusus"), ein Bildmotiv, das auf das alttestamentliche Hohelied zurückgeht: "Meine Schwester, meine Braut, du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born." Der verschlossene Garten wurde als Symbol für die Jungfräulichkeit der Maria verstanden. Und das Einhorn? Es symbolisiert Christus. Der Legende nach konnte das Einhorn nur von einer Jungfrau bezwungen werden. Und der Gottessohn konnte nur von einer Jungfrau geboren werden. Einst schmückte das Relief aus Lindenholz die Marienwallfahrtskirche in Grimmenthal, die in ihren Hochzeiten, in den 1520er-Jahren, jährlich von über 40.000 Pilgern aufgesucht wurde.

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Maria, geschnitzt und ausgehöhlt

Die Schreine der mittelalterlichen Schnitzaltäre zierten wunderbare, farbig gefasste, manchmal auch vergoldete Holzplastiken. Immer dabei war Maria, umgeben von anderen Heiligen oder szenischen Darstellungen der Heilsgeschichte. Die gekrönte Gottesmutter stand im Zentrum, auf einer Mondsichel und war meist von einem Strahlenkranz umfangen, gelegentlich thronte sie auch. Realismus, Individualität und Ausdruckskraft dieser Schnitzplastiken sowie ihr überirdischer Farbglanz zogen nicht nur die Gläubigen der damaligen Zeit in ihren Bann, sondern faszinieren uns auch heute noch.

Doch wie die Figuren gearbeitet und montiert wurden, dass wussten nur die Bildschnitzer. In der Marienausstellung erlaubt die freistehende Präsentation der elf Schnitzplastiken aus der Sammlung Bührle ganz ungewohnte Blicke auf ihre Rückseiten und verrät uns so das Geheimnis ihrer Anfertigung und Aufstellung: Die meisten Plastiken sind hinten ausgehöhlt. Das geschah, damit das frische Holz schneller austrocknete und dabei nicht riss. Uns sagt es, dass eben diese Figuren für die Aufstellung in einem Altarschrein bestimmt waren. Denn wenn die Rückseite nur abgeflacht oder sogar plastisch ausgearbeitet ist, dann standen sie frei auf einem Sockel.

Maria als Mutter mit dem Kind ist das älteste und zugleich einzige autonome Frauenbild, das sich in der sakralen Kunst im Mittelalter durchsetzte. Die Ausstellung zeigt herausragende Beispiele aus allen Regionen Deutschlands.

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Maria in der Götzenkammer

Ein Junge in dem kleinen vogtländischen Dorf Marieney, Anfang des 19. Jahrhunderts, sein Vater ist Lehrer und Kantor der Kirche: Der Junge ist neugierig und geht immer wieder in der alten Dorfkirche auf Erkundungstour. Über der Sakristei befindet sich ein Dachboden, verschlossen durch eine Bretterwand. Durch ein Astloch sieht er nur Finsternis, bis eines Tages ein Lichtstrahl durch eine Ritze an der Außenwand in den Raum fällt und der Junge, er heißt Julius Mosen, dort plötzlich eine Marienstatue erkennt. Doch der Pfarrer ist über diese Entdeckung überhaupt nicht erfreut, sondern bestellt umgehend Handwerker, die den Raum wieder blickdicht vernageln. Erst Jahrzehnte später wird die Marienstatue samt anderen Figuren geborgen und befindet sich seit Ende des 2. Weltkriegs im Vogtlandmuseum Plauen.

Spätmittelalterliche Statuen wurden nicht nur in Marieney aus dem Kirchenraum entfernt und weggesperrt, sondern auch an zahlreichen anderen Orten in Mitteldeutschland. Gerade bei Marienfiguren geschah dies in protestantischen Kirchen häufig, um sie der Verehrung zu entziehen. Doch offensichtlich wollten die Gemeindemitglieder sie nicht zerstören, sondern nur verstecken, da die vorreformatorischen Ausstattungsstücke ihnen seit Kindheit vertraut waren und für sie auch einen materiellen und künstlerischen Wert besaßen. So kamen die Statuen in Räume und Verschläge, die man „Götzenkammern“ nannte. Dort überlebten sie, gerade in Dorfkirchen meist völlig vergessen, bis sie im 19. Jahrhundert von den Heimat- und Altertumsvereinen wiederentdeckt wurden. So auch diese Madonna eines unbekannten Meisters um 1500 aus Marieney.

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Pilgerzeichen Regensburg

Im Frühjahr 1519 in Regensburg wurde ein Steinmetzmeister namens Jakob Kern bei Abbrucharbeiten von einem Gewölbe verschüttet und zunächst für tot gehalten. Doch schon am nächsten Tag erschien er unversehrt auf der Baustelle. Für seine Zeitgenossen war klar: Es musste sich um ein Wunder handeln, dass die Gottesmutter Maria bewirkt hatte – für diese sollte ja an dieser Stelle eine neue Kirche errichtet werden. Binnen weniger Wochen war an dieser Stelle zunächst eine hölzerne Kapelle errichtet worden, die in der Folgezeit eine enorme Anziehungskraft für Pilger von nah und fern entwickelte. Der Ansturm zur „Schönen Maria“ war binnen kurzer Zeit so groß, dass der kleine Kirchenbau kaum noch ausreichte, so dass bereits ein umfangreicher Ausbau in Planung war. Dabei stand von Anfang an viel Kalkül hinter all dem:

Die Regensburger hatten nämlich Anfang 1519 die Zeit zwischen dem Tod des alten und der Wahl eines neuen Kaisers genutzt, die sonst von herrschaftlicher Seite geschützten Juden aus der Stadt in einem Pogrom zu vertreiben und deren Häuser und die Synagoge abzureißen. Das angebliche Wunder diente dabei als nachträgliche Legitimation, schließlich wurde die Rechtmäßigkeit dieses Handelns so doch eindeutig vom Himmel selbst „bewiesen“.  Für die Stadt bedeutete dieser neue Wallfahrtsort auch eine beträchtliche Einnahmequelle: Nicht nur durch die Verköstigung und Unterkunft der vielen Pilger ließen sich gute Umsätze erzielen, sondern auch durch den Verkauf von „Merchandise“ vor Ort, etwa Drucke mit dem Bild der Wallfahrtskirche oder den massenhaft vertriebenen Wallfahrtzeichen, die die Gläubigen nach dem Besuch des Gnadenortes an ihre Hüte und ihre Kleidung stecken konnten. Die meist aus Zinn hergestellten Flachgüsse mit der darauf dargestellten „Schöne Maria“ (nach dem in Regenburg verehrten Gemälde Albrecht Altdorfers) diente den Pilgern nicht nur als Beweis für den Besuch an dem wundertätigen Gnadenbild, sondern sollte auch etwas von der Heiligkeit des Ortes mit in die Heimat der Wallfahrer bringen.

Martin Luther war die überbordende Marienverehrung ein Dorn im Auge, die nur von Christus als wahrem Erlöser ablenke. Er schrieb 1523 an den Regensburger Magistrat, in der Hoffnung, dass dieser diese schädlichen Umtriebe eindämmen würde: „… das Evangelium nicht kann schön werden, die „schöne Maria“ werde denn häßlich.“ Tatsächlich war zu diesem Zeitpunkt der Höhepunkt der Wallfahrt nach Regensburg bereits überschritten und kam 1525 gänzlich zum Erliegen.

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Maria als Schutzmantelmadonna

Im Mittelalter war Gott ein strenger und zorniger Richter. Zu den Strafen, die er den sündi­gen Menschen mit Pfeilen sandte, gehören Krankheit, Teuerung und Krieg. Nur Maria als Fürbitterin bei Gott konnte vor seiner Wut schützen. Darum flüchtete sich die ganze Menschheit unter ihren Mantel, nicht nur das einfache, namenlose Volk, sondern auch die Geistlichen und Herrscher, einschließlich Papst und König.

Das Gemälde der Schutzmantelmadonna von der Hand eines Salzburger Meisters gehört zu einem Marienaltar und zeigt Maria in einem kostbaren Mantel als Himmelskönigin mit üppi­ger Krone und einem Halskragen aus Sonnenstrahlen. Auf ihrem Mantel zerbrechen die strafenden Pfeile Gottes. Es handelt sich um ein Pestbild, denn diese Seuche galt im Mittel­alter als Strafe Gottes.

Die Verbildlichung des Motivs hat eine legendarische und eine juristische Wurzel: Ein byzantinischer Heiliger sah bei einer Nachtwache, wie die Madonna ihren Kopfschleier vom Haupt nahm und über die Gläubigen ausbreitete. Väter konnten ein illegitimes Kind adoptie­ren, indem sie es unter ihren Mantel nahmen, und Verfolgte erfuhren unter dem Mantel einer hochstehenden Persönlichkeit Begnadigung. Diese Vorstellungen wurden auf die Gottesmutter übertragen und ließen Maria zum schützenden, barmherzigen Gegenbild des cholerischen Gottes werden.

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Eine Muttergottes auf dem Evangelistenthron

Maria sitzt auf einem Evangelistenthron – doch was ist das für ein ungewöhnlicher Thron und was bedeuten die plastisch gestalteten Armlehnen? Wieso ruhen Marias Füße auf einer Mondsichel mit einem Gesicht? Warum hält sie gemeinsam mit dem Christuskind einen Apfel in der Hand?

Es sind die Symbole der Evangelisten, die die Armlehnen des Thrones zieren: zur Linken ein Stier und ein Adler für Lukas und Johannes, zur Rechten ein Löwe und ein Engel für Markus und Matthäus. Maria sitzt also nicht nur auf einem königlichen Thron, dem Sedes Sapientiae, wie einst der weise König Salomon, sondern auf dem Thron Gottes, wie er in der Apokalypse des Johannes beschrieben wird: ein himmlischer Thron, der umgeben ist von „vier Wesen voller Augen“ (Off 4, 6-8). Auch die Mondsichel zu ihren Füßen verweist auf eine Vision des Johannes: Maria erschien ihm als Himmelskönigin, mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen und das Haupt von 12 Sternen umgeben (Off 12,1). Den Theologen des Mittelalters galt Maria als neue Eva und Christus als neuer Adam. Zusammen erschlossen sie den Menschen einen Weg ins Paradies. Deshalb wird der Kopf unter der Mondsichel als Adam gedeutet und steht für die Überwindung der Erbsünde, wie auch der Apfel, der sich vom Zeugnis der Verführung zum Symbol von Gnade und Leben wandelt.

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Vergebung der Sünde aus Gnade

Auch Protestanten ließen Epitaphe, fromme Bilder, zur Erinnerung an die Verstorbenen anfertigen. Doch zeigten diese keine Mariendarstellungen mehr, sondern Szenen, in denen Christus als Erlöser der Menschheit erscheint und Sünde wir Tod überwunden werden. Ein solches lutherisches Epitaph gab der Bürgermeister Georg Waldklinger (†1554) aus Meißen für seine vielköpfige Familie bei einem unbekannten Maler aus dem Umkreis Cranachs in Auftrag.

In einer Himmelsvision ist das göttliche Gericht zu sehen. Die Ureltern Adam und Eva, von einer Schlange gefesselt, werden von einem Teufel zum Richtertisch geführt, auf dem der Apfel als Beweisstück ihrer Sünde liegt. Die Tugenden Gerechtigkeit und Wahrheit klagen sie an, Friede und Barmherzigkeit verteidigen sie. Gott aber verkündet die Aussöhnung, denn die Sünde ist durch den Opfertod Christi getilgt. Und Christus an seiner Seite weist auf Maria als neue Eva hin, die den Erlöser gebären wird, der die Schlange vernichtet. Unter ihnen sind in Gegenüberstellung der Sündenfall und die Kreuzigung wiedergegeben, in der Maria als trauernde Mutter erscheint.

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