Pest. Eine Seuche verändert die Welt

Ende der Ausstellung

Nach einem halben Jahr haben wir unsere „Pest“-Ausstellung im Wittenberger Augusteum geschlossen. Wir sind ein bisschen wehmütig, aber auch dankbar.
Mit dem Wagnis während einer Pandemie eine Sonderausstellung über eine ganz andere Seuche zu zeigen, haben wir etwa 11.500 Besucher*innen begeistert.

 

Kaum eine Krankheit hat bis heute solche Spuren in der abendländischen Kultur hinterlassen und das kulturelle Gedächtnis Europas so tief geprägt wie die Pest. Auch wenn der letzte große Ausbruch auf europäischem Boden schon drei Jahrhunderte zurückliegt, ist sie bis heute gegenwärtig: Verlässlich taucht in fast jedem Mittelalterroman ein Anklang an die Pest auf, sorgt das Auftauchen des „Pestarztes mit der Schnabelmaske“ im Film oder im venezianischen Karneval weiterhin für Grusel. Noch heute drücken wir unsere tiefste Verachtung für etwas damit aus, dass wir es „hassen wie die Pest“. Wer jemandem nach einem Niesen „Gesundheit!“ wünscht, macht dies unbewusst in Reaktion auf die Pestsymptome der Vergangenheit.  Die erbarmungslos und schnell zuschlagende Seuche, vor der offenbar kaum eine Vorkehrung oder Heilmittel half und die unterschiedslos Reiche und Arme, Fromme und Gottlose in großer Zahl dahinraffte, beeindruckte nicht nur die Zeitgenossen während der spätmittelalterlichen tödlichen Ausbrüche, sondern verschaffte ihr auch bei den späteren Generationen das Image der „Krankheit schlechthin“. Nicht von ungefähr wurden auch in der Covid19-Pandemie von 2020 sofort Anklänge an die Pest laut. Zwar handelt es sich klinisch gesehen um zwei völlig unterschiedliche Krankheiten, doch lassen sich durchaus Parallelen in Hinblick auf Reaktionen und Gegenmaßnahmen der jeweiligen Zeitgenossen beobachten.  Doch war auch die Pest nicht ein über die Jahrhunderte gleichbleibendes Phänomen:  Die Phasen ihres Auftretens unterschieden sich je nach Zeit und Ort zum Teil erheblich voneinander. Auch stellte die Pest im Zusammenspiel mit anderen Seuchen nicht nur eine andauernde Begleiterscheinung des Lebens dar, sondern auch einen Motor für tiefgreifende Veränderungen in Medizin, Gesellschaft und Religion.

Grundriss eines Pestlazaretts, roter Hintergrund

Podcast

Der Podcast "Pestilenz!" gilt mit 7 Folgen als Ergänzung unserer Sonderausstellung.

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Erlebnisberichte

Spannende Pest-Berichte aus aller Welt zum Lauschen.

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2 Pestkreuze, roter Hintergrund

Presse und Medien

Presse- und Bildmaterial zur Sonderausstellung.

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Während insbesondere das Seuchenereignis des „Schwarzen Todes“ von 1347/48 im Fokus der Aufmerksamkeit stand, ist ihr fortwährender Einfluss in den darauffolgenden Jahrhunderten bislang wenig beachtet worden. Doch lassen sich auch hier bedeutende Faktoren feststellen, die Folgen für die Reformation des 16. Jahrhunderts haben sollten. Umgekehrt hatten aber auch die neuen reformatorischen Ideen Auswirkungen auf die Bekämpfung der Pest und den Umgang mit Seuchen und Erkrankungen allgemein.  Die Sonderausstellung „Pest. Eine Seuche verändert die Welt“ schlägt dabei nicht nur den Bogen von den frühsten nachweisbaren Ausbrüchen der Pest in der Steinzeit bis in die jüngste Gegenwart, sondern beleuchtet auch die unterschiedlichen Erklärungen für die Seuche und die Reaktionen auf ihr Auftreten. Im Fokus stehen dabei natürlich auch die menschlichen Schicksale, für die die Pest nicht nur eine physische, sondern vor allem eine seelische Bedrohung darstellte. Während die katholische Seite auf den Schutz spezieller Pestheiliger vertraute, verwiesen die Reformatoren auf die einzig heilsbringende Kraft des Glaubens an Christus und seinen Kreuzestod. Dass dies Anhängern beider Konfessionen jeweils nicht genügte, zeigt sich in den zahlreichen außerkirchlichen Heilsmitteln, bei denen Katholiken und Protestanten Zuflucht suchten. Im Gegensatz zu den medizinischen Ratschlägen, die mit „Allheilmitteln“ wie dem Theriak oder dem Vermeiden bestimmter Windrichtungen der Seuche relativ machtlos gegenüberstanden, hatten obrigkeitliche strenge Maßnahmen wie Isolierung, Hygienemaßnahmen und Kontaktverbote weitaus größere Wirkung.

Bis heute rätselhaft bleibt jedoch das plötzliche Auftreten der Pest und ihr zum Teil jahrhundertelanges abruptes Verschwinden – auch mit der Identifikation des Pesterregers und der Erfindung der Antibiotika ist und bleibt die Pest bis heute eine latente Bedrohung.

Die Sonderausstellung baut in weiten Teilen auf dem Konzept der Sonderausstellung „Pest!“ des LWL-Museums für Archäologie Herne von 2019 auf, wird aber mit dem exklusiven Blick auf die Wittenberger Reformation und ihrem Umgang mit der Pest ergänzt. Dabei sollen auch zuvor noch nie in einer Ausstellung gezeigte Stücke zu sehen sein. So gehören zu den Highlights der Schau etwa ein aufklappbarer Plan des Wittenberger Pestlazaretts, Amulette zum Schutz vor der Pest und archäologische Funde aus der Lutherstadt. Originalgetreue Faksimile, aufwendige Inszenierungen und digitale Medien ergänzen die Ausstellung. Sie wird im sogenannten Bibliothekssaal und den angrenzenden Räumen im Erdgeschoss des Augusteums in Wittenberg präsentiert. 

In Kooperation mit dem LWL-Museum für Archäologie Herne

Blick in die Ausstellung

Blick in die Ausstellung

Plan eines Pesthospitals

Plan eines Pesthospitals

Der Pestschinken

Blick in die Ausstellung